Womöglich hätte er tatsächlich die Welt verändert: Georg Elser, gespielt von Christian Friedel, verübte 1939 im Münchner Bürgerbräukeller ein Attentat auf Adolf Hitler. In mühsamer Kleinarbeit baute er eine Zeitbombe, die jedoch zu spät explodierte, um den früher abgereisten Diktator zu töten. Elser wird danach aufgegriffen und brutal verhört, während er an seine Vergangenheit zurückdenkt. In der Gefangenschaft tröstet er sich vor allem mit den Gedanken an seine große Liebe, gespielt von Katharina Schüttler.
Nach „Der Untergang“, der neben „Das Experiment“ zu seinen besten wie bekanntesten Filmen zählen dürfte, kehrt Oliver Hirschbiegel mit „Elser“ nun thematisch ins Dritte Reich zurück. Stand beim Geschehen im Führerbunker noch Adolf Hitler im Vordergrund, widmet er sich nun dem deutschen Widerstand in Person von Georg Elser, der verglichen mit Stauffenberg oder den Geschwistern Scholl zu den bis heute eher unbesungenen Helden des schrecklichsten Abschnitts deutscher Geschichte zählt. Immerhin 26 Jahre nach dem ersten und bisher letzten Spielfilm über den Widerstandskämpfer „Georg Elser - Einer aus Deutschland“ von Klaus Maria Brandauer, ist es daher durchaus angebracht, noch einmal an diesen zu erinnern. Viel mehr, als den Namen Elser noch einmal ins kollektive Gedächtnis zu rufen, ist Hirschiegel hiermit aber leider auch nicht gelungen.
Anders als Bryan Singer, der „Operation Walküre“ über das Stauffenberg-Attentat als Thriller anlegte, weigert sich Hirschbiegel konsequent, die Spannungsschraube anzudrehen, er erzählt stattdessen in Rückblenden während der Verhöre die Geschichte Elsers. Das kann er natürlich so machen, zumal die Struktur an weitaus gelungenere Biopics aus den Vereinigten Staaten erinnert, die ebenfalls mit Rückblenden arbeiteten, wie etwa „Shine“ oder „Imitation Game“. Insgesamt verbinden sich die beiden Erzählebenen jedoch nicht zu einem schlüssigen Bild, sodass sich der Film letztendlich zwischen die Stühle setzt.
Da ist einmal die Vorgeschichte Elsers, die in satten Farben gehalten bereits rein optisch deutlich wärmer und wohliger als die Eindrücke aus dem Jahr 1939 wirken. Elser selbst wird dabei als Individualist und Nonkonformist charakterisiert, der wenig auf Konventionen, gesellschaftliche Regeln und auch die vielbeschworene Volksgemeinschaft der Nazis hält, der einfach nur glücklich sein möchte. Außerdem zeigt Hirschbiegel, wie schnell die Dorfgemeinschaft von der Ideologie der Nazis durchsetzt wird, wie die Andersdenkenden in die Minderheit geraten, wie der Wahlsieg der NSDAP gefeiert wird und auf dem Dorfplatz der moderne Pranger wieder eingeführt wird, um die Geliebte eines Juden öffentlich zu demütigen. Das stößt bei einem wie Elser natürlich sauer auf und der Überfall auf Polen bringt das Fass schließlich zum Überlaufen, zumal der junge Schreiner die Verheerungen des Zweiten Weltkriegs früh heraufziehen sieht.
Hätte man mehr davon gesehen, wäre „Elser“ ein guter Film geworden, doch stattdessen widmet sich Hierschbiegel allzu ausführlich Elsers Liebesbeziehung zu einer verheirateten Frau, die unter ihrem brutalen und versoffenen Gatten zu leiden hat. Nur ist dieser Teil der Geschichte bieder und langweilig. Dass Elser auch hier die gesellschaftlichen Konventionen sprengt, indem er sich mit einer Verheirateten einlässt, ist der Konstruktion seiner Figur kaum weiter zuträglich und so verschenkt Hirschbiegel praktisch die halbe Laufzeit des Films an einen weitgehend belanglosen Nebenschauplatz. Das bremst den Film aus, wenngleich Katharina Schüttler als Geliebte Elsers eine gute Figur macht.
Zum anderen besteht der Film aus den Verhörszenen, in denen man dann zumindest ein bisschen was über die komplexe Vorbereitung des Attentats erfährt. Hier lässt sich erahnen, wie spannend und interessant der Film hätte werden können, wenn sich Hirschbiegel damit schwerpunktmäßig beschäftigt hätte, zumal die historischen Quellen in Form der Verhörprotokolle ja vorliegen. Stattdessen rückt Hirschbiegel am Rande noch den von Bughart Klaußner verkörperten Reichskriminaldirektor Arthur Nebe in den Vordergrund, vermutlich wegen dessen späterer Beteiligung am Stauffenberg-Attentat, nur, dass das alles auch nicht allzu viel mit Elser und seinem Attentat zu tun hat. Um die einnehmend sympathische und jederzeit überzeugende Darstellung von Hauptdarsteller Christian Friedel ist es jedenfalls schade.
Fazit:
Hirschbiegel befasst sich nur am Rande mit Elsers Attentat, den akribischen Vorbereitungen und dem komplexen Sprengsatz, was sicherlich spannend gewesen wäre, stattdessen konzentriert er sich vor allem auf seine Hauptfigur. Er charakterisiert Elser als Individualisten, um den es zunehmend einsam wird, als der Nationalsozialismus die Köpfe seiner Mitbürger durchsetzt. Auch das hätte durchaus interessant werden können, doch Hirschbiegel verschwendet sehr viel Laufzeit an die langweilige Liebesgeschichte. Letztendlich ist sein Film weder Fisch noch Fleisch und kommt nicht über einige vielversprechende Ansätze hinaus.
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