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Eine Gruppentherapie-Einrichtung in einer abgeschiedenen Gegend Österreichs: Hier lehrt Roman Romero (Blixa Bargeld) den Weg zum ureigenen Ich durch das bewusste Durchleben von Traumata und Konflikten. Zusammen mit seinen Kollegen Martha (Claudia Martini) und Siegfried (Joey Eisenbrenner) verhilft er Paaren und Einzelteilnehmern zu unangenehmen und schwer zu kontrollierenden Erfahrungen auf der Reise zur vermeintlich wahren, inneren Persönlichkeit. Doch das führt zu Konsequenzen, mit denen auch er nicht gerechnet hat.

Christian Froschs schwarzhumoriger Psychotherapie-Thriller beginnt als etwas trockenes Drama, das aber durch hervorragende schauspielerische Leistungen überzeugen kann. Die Ausraster und verzweifelten Reaktionen, die durch die Therapie zustande kommen, sind keine nervig-manieriert gespielten Szenen, sondern engagiert und nachempfunden in ihrer psychologischen Bedeutung, von Darstellern, die bereit sind, 100 Prozent zu geben. Bei den sehr gegensätzlichen Figuren ist der Vorwurf, dass hier eher Typen als Charaktere präsentiert werden, bis zu einem gewissen Punkt nachvollziehbar, aber ganz so vereinfacht sind die Persönlichkeiten dann doch nicht. Es werden zwar Gegensätze wie offensiv-defensiv, optimistisch-pessimistisch, warmherzig-zynisch, intellektuell-körperbetont und ähnliche Unterteilungen deutlich, aber das heißt nicht, dass diese später nicht wieder durchbrochen werden können. Zudem wirkt sich die Qualität der Darsteller so positiv aus, dass von Klischees letztlich kaum eine Rede sein kann. Auch Blixa Bargeld, dessen Verwendung zunächst nach gewollt unkonventioneller Besetzung klingt, entpuppt sich als sehr gute Wahl, da er den Obertherapeuten glaubwürdig und nicht zu übertrieben Guru-mäßig zu spielen vermag.

Im zweiten Teil des Films, ziemlich genau nach der Hälfte der zweistündigen Spielzeit (während deren der Film zu keinem Zeitpunkt langweilig wird), ufert das Szenario unversehens aus. Romeros Psychospielchen mit einer Patientin, der schweigsamen, überaus sensiblen Gabi (Ursula Ofner) nimmt eine drastische Wendung und von da an wird das Treiben zunehmend gefährlich. Die von den Therapeuten gierig ans Tageslicht geholten Traumata rächen sich nun in Form freigelegter Gewaltbereitschaft. Möglicherweise kann man dies als Kritik Froschs an der Praxis von Therapie-Gruppen auffassen, immer das Innerste nach außen kehren zu wollen; an dem Machtbewusstsein der Therapeuten, die es womöglich genießen, die Kontrolle über verängstigte Patienten auszuüben. Vielleicht ist das auch komplett falsch, aber zumindest macht das exzessive Gebaren der Gruppe zum Ende des Films hin einen derartigen Eindruck. Dort schleicht sich dann auch unverkennbar schwarzer Humor ein. Es geht wirklich alles schief, was nur schiefgehen kann, und es kommt zu diversen blutigen Zwischenfällen, die nicht alle nachvollziehbar wirken.

"Die totale Therapie" ist ebenso wie "Weiße Lilien" von Christian Frosch ein Film, dem manche Kritiker typischerweise vorwerfen, dass er "sich nicht entscheiden kann, was er sein will" (so die typische Ausdrucksweise), mit anderen Worten, dass er sich nicht langweiligen Genre-Abgrenzungen unterordnen will. Aber gerade das macht beide Filme derart reizvoll. Denn die unkonventionelle Denkart, das Spiel mit Genre-Versatzstücken, aber auch mit ganz untypischen Einfällen, sorgt für Überraschungen. Nur einen ziemlich widerlichen Einfall hätte sich Frosch sparen können, wenn nämlich zu Beginn des Films eine Katze gleich zweimal überfahren wird, was zu nichts mehr gut ist, als (bei manchen Zuschauern) einen dummen Lacher hervorzurufen. Im Audiokommentar fällt Frosch auch nicht mehr dazu ein, als dass dies zeigen solle, "dass später noch etwas passieren wird" (im Sinne von Gewalttätigkeit). Ansonsten ist "Die totale Therapie" eine genremäßig schwer einzuordnende Überraschung, bei der aus wenig Budget viel überzeugender Film gemacht wurde und der durch seine hervorragenden Darsteller besticht, zudem stimmungsmäßig erfolgreich zwischen dramatischem Ernst und schwarzhumoriger Übertreibung balanciert.

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