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Mia Wasikowska spielt eine junge Schriftstellerin, deren Vater ein wohlhabender Bauunternehmer ist. Sie kann Geister sehen und lebt im Amerika um das Jahr 1900. Mit dem männlichen Geschlecht hat sie bisher nicht allzu viel am Hut, wenngleich ein befreundeter Arzt, gespielt von Charlie Hunnam, sich recht offensiv um sie bemüht. Sie verliebt sich schließlich in einen schottischen Adeligen, gespielt von Tom Hiddleston, der mit seiner Schwester, gespielt von Jessica Chastain, in die Vereinigten Staaten gereist ist, um ihren Vater um Geld für eine Maschine zur Tonförderung zu bitten. Dieser steht den Avancen des Schotten in Bezug auf seine Tochter nicht gerade wohlwollend gegenüber und versucht das Geschwisterpaar zurück über den Atlantik zu schicken. Doch er kommt gewaltsam ums Leben und seine Tochter heiratet den Schotten, um ihn anschließend in dessen Heimat zu begleiten. Dort zieht sie in den schaurigen Landsitz des alten Adelsgeschlechts, eine alte Bruchbude, in der mehrere Geister ihr Unwesen treiben. Die frisch Verheiratete muss zudem schnell feststellen, dass ihr die Lebenden in ihrem neuen Heim noch weit gefährlicher werden können als die Toten.

Guillermo del Toro ist ein Regisseur für besondere Filme. Viele seiner Kollegen hätten „Hellboy“ und dessen Sequel wohl als oberflächliches Blockbusterkino a la Marvel angelegt, doch del Toro interessierte sich vor allem auch für seine Figuren, für die liebenswerten Außenseiter. Sah „Pacific Rim“ im ersten Trailer noch wie eine reine Materialschlacht aus, wie sie Michael Bay wohl abgeliefert hätte, so wurde dem Zuschauer letztendlich ein sympathischer Monster- und Roboterfilm geboten, der Bombast und Herz unter einen Hut brachte und sich vor den großen Vorbildern des Genres verneigte. Und auch „Crimson Peak“ ist alles andere als ein Horrorfilm von der Stange. Wer einen solchen sehen möchte ist wohl mit dem aktuellen „Paranormal Activity“-Ableger besser beraten.

Wenngleich del Toro über einen durchaus namenhaften Cast verfügt, ist der Star des Films nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Holz und Stein, es handelt sich um den Landsitz der schottischen Adelsfamilie, auf welchen es die Protagonistin schließlich verschlägt. Im Haus herrscht permanent Durchzug, sodass es an allen Ecken knarrt und ächzt, es gibt geheime Kammern, einen mysteriösen Keller, Geister und noch mehr dunkle Geheimnisse. Del Toros Kameramann Dan Laustsen versteht es perfekt, dieses opulente, wenngleich marode Bauwerk bis in den letzten Winkel und in all seinen Details perfekt in Szene zu setzen, während del Toro nach und nach die dunklen Geheimnisse des Anwesens preisgibt. Besonders die Farbe Rot, die Farbe des Tons, auf welchem das Anwesen erbaut wurde, prägt das Bild des Films, was bereits ganz am Anfang angedeutet wird, wenn der Universal-Schriftzug in blutroten Farben auf der Leinwand erscheint. Die rote Farbe steht in krassem Kontrast zum weißen Schnee auf dem Anwesen, zu den grauen Wänden im Keller, zwischen denen der rote Ton hindurchquillt, wie Blut aus einer offenen Wunde. Man sieht dem Film, der mit seiner opulenten, historisch stimmigen Ausstattung und den brillanten Kameraeinstellungen auch ansonsten wie gemalt wirkt, sein für einen Horrorfilm überaus beachtliches Budget von über 50 Millionen Dollar jedenfalls durchgehend an.

„Crimson Peak“ sieht aber nicht nur gut aus, er ist auch eine stimmige Hommage an ein ganzes Genre. Del Toro bedient sich bei den Klassikern des Genres, bei altgedienter Schauerliteratur, spielt anfangs auf Mary Shelley und Jane Austen an, woraufhin er selbst eine sehr reizvolle Mischung aus Horror und Liebes- bzw. Kostümfilm auf die Leinwand zaubert, er verneigt sich vor diesen Vorbildern ohne jedoch den eigenen Stil aus den Augen zu verlieren. Nett ist auch der Einbezug einiger technischer Spielereien aus der Zeit um die Jahrhundertwende. Der Plot rückt über all das zeitweise regelrecht in den Hintergrund. In der ersten Filmhälfte ist „Crimson Peak“ trotz einiger dunkler Vorzeichen vor allem ein Liebesfilm mit einer spannenden Figurenkonstellation und einer interessanten Hauptfigur, der mit der Heirat schnell in einen klassischen Horrorfilm übergeht, der effektiv, aber nicht allzu einfallsreich auf die finale Auflösung zusteuert. Del Toro greift auf das volle Repertoire klassischer Schauergeschichten und Horrorfilme zurück, auf Türen, die sich von selbst bewegen, auf unheimliche Geistererscheinungen, düstere Musik, vergifteten Tee, Inzest, brutale Morde, dunkle Geheimnisse, düstere Kulissen, Leichen im Keller. Weil del Toro mit seiner tollen Optik und der dichten Atmosphäre bis zum Ende fesselt und viele Genreelemente durchaus mit einem Augenzwinkern aufgegriffen werden, ist „Crimson Peak“ 2015 einer der besten Filme seiner Zunft, wenngleich er beim Showdown ein wenig zu konventionell daherkommt und nicht jeder Schockeffekt zu zünden vermag.

Neben dem schottischen Landhaus hat „Crimson Peak“ aber noch einen zweiten Star und zwar die Hauptfigur und deren Darstellerin. Mit Mia Wasikowska, bekannt als Tim Burtons „Alice im Wunderland“, ist del Toro eine vortreffliche Besetzung gelungen, die als selbstbewusste Schriftstellerin vor allem in der ersten Filmhälfte eine hervorragende Figur macht, woraufhin sie in der zweiten Filmhälfte leider zunehmend in die Rolle des wehrlosen Opfers degradiert wird. Einen Part, den die zierliche, die Beschützerinstinkte des Zuschauers weckende, Wasikowska ebenfalls sehr gelungen ausfüllt. Daneben gibt es einen überzeugenden Tom Hiddleston zu sehen, der die mysteriöse Aura seiner Figur über weite Strecken aufrecht zu erhalten vermag und die Zerrissenheit seines Charakters zwischen der neuen Frau und seiner Schwester perfekt verkörpert. Jessica Chastain, die wohl beste Charakterdarstellerin im Ensemble, steckt ähnlich wie Charlie Hunnam leider in einer Figur, die kaum an Profil gewinnt, was nicht heißt, dass sie die von Anfang an suspekte Figur nicht gelungen ausfüllen und sich dabei voll austoben würde.

Fazit:
„Crimson Peak“ ist ein visueller Leckerbissen, dessen eigentlicher Hauptdarsteller der eindrucksvoll schaurige Landsitz des alten schottischen Adels ist. Guillermo del Toro baut an diesem Schauplatz eine enorm dichte Atmosphäre auf, wobei er sich inhaltlich besonders an klassischen Schauergeschichten orientiert. Getragen von einem guten Darstellerensemble gelingt ihm so ein durchweg überzeugender Film, der sich dem Kritikpunkt, die Form stünde vor dem Inhalt, nicht immer gänzlich zu erwehren weiß. Aber wen stört das schon, wenn die Form doch so beeindruckend ist…

82 %

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