Review

Del Toro goes Burton

Meet Edith Cushing (Mia Wasikowska): Gern wäre sie eine Schriftstellerin, nicht wie Jane Austen, sondern wie Mary Shelley. Denn lieber als über die Liebe schreibt sie über Gespenster. Der mysteriöse Thomas Sharpe (Tom Hiddleston) teilt diese Leidenschaft. Die beiden verlieben sich ineinander, gegen den Willen ihres reichen Vaters heiraten sie – und flugs verschlägt’s Edith von Amerika nach Nordengland. Dort leg sie sich ein Hündchen zu und führt holprige Gespräche mit ihrer Schwägerin Lucille Sharpe (Jessica Chastain). Die verlotterte Allerdale Hall birgt so manches Geheimnis. Doch diese zu ergründen bringt für Edith Gefahren mit sich.

Guillermo del Toro (Pans Labyrinth, The Shape of Water) dreht einen klassischen Geisterhaus-Grusler. Was auf dem Papier grandios klingt, ist in der Praxis eine peinliche Enttäuschung. Zugute halten kann man dem Crimson Peak (2015) einzig, dass er einigermassen ansehnlich aussieht – ein bisschen bei Tim Burton (Sleepy Hollow, Sweeney Todd) abgekupfert, aber das gehört ja schon fast zum guten Ton bei so einer edlen, teueren Gespenster-Geschichte. Schockierend dabei ist, dass selbst die Bilder kaum einen bleibenden Ausdruck hinterlassen. Sie sind nett, aber nur nett. Ein bisschen Exzentrik kann man von einem Regisseur wie del Toro schon erwarten. Aber stilistisch bleibt alles blutleer und uninspiriert, Victorian Gothic wie im Autopilot abgedreht.

Nach der ersten halben Stunde befand ich mich bereits im Halbschlaf, sodass ich es fast versäumte, mich über die schrecklich forcierte Liebesgeschichte zwischen Edith und Thomas aufzuregen. Knistern tut da nichts, wofür weder Wasikowksa (Only Lovers Left Alive) noch Hiddleston (Avengers) was können. Das Mädchen ist bieder eigenschaftslos, der Junge mysteriös nichtssagend. Del Toro bemüht sich keine Sekunde darum, diese Liebesgeschichte irgendwie zu plausibilisieren. Die beiden mögen sich einfach. Okay? Nein! So funktioniert Romantik nicht!

Wenn wenigstens der Horror in diesem romantischen Horrorfilm zünden würde … Aber der ist noch dröger als die blutleere Liebelei. Hin und wieder sieht man einen halbherzig gerenderten CGI-Geist, der Warnungen von sich gibt, die man weder als Zuschauer noch als Hauptfigur braucht. Die Geister tun mit einem Wort: nichts. Sie sorgen weder für Grusel noch für Schrecken. Nicht mal einen billigen Jumpscare gönnt uns del Toro. Das wär zwar auch langweilig, aber dann würd wenigstens mal was passieren.

Den Plot kann man sich von den ersten 15 Minuten an halbwegs zusammenreimen. Was man nicht schon erahnt hat, sorgt bei der »Auflösung« dann eher für verwirrtes Schulterzucken: So what? Jessica Chastain (Molly’s Game) darf ein bisschen unberechenbar sein, aber ihre Motive werden bis zum Schluss nicht deutlich. Ihr Bruder Thomas ist im Grunde nutzlos, treibt die Story keinen Jota voran. Was bleibt, ist eine hübsche Kulisse, die mit Versatzstücken gefüllt wird. Wenn nach zwei Stunden dann die Credits rollen, fühlt man sich eingelullt von der kompetenten Filmerei, die gedämpft ein nostalgisches Gruseln ausgelöst hat.

Das mag manche in den Glauben wiegen, einen passablen Durchschnittsfilm gesehen zu haben. Ich aber sage: Das hier ist schlimmer Murks. Vorhersehbar, sentimental, eigenschaftslos. Und – die schlimmste Sünde überhaupt – langweilig von A bis Z. Da ist der geneigte Gruselfan mit sowas wie The Woman in Black (2012) wesentlich besser bedient. Der ist zwar auch klischiert, hat aber wenigstens Drive.

2/10

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