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Der 14jährige Wolfgang, gespielt von Louis Hofmann, ist ein geborener Rebell, weswegen sein Stiefvater ihn in ein Jugendheim der Diakonie in Freistatt schickt. Wirklich christlich ist der Umgang der Verantwortlichen mit den Jugendlichen jedoch nicht gerade, so stehen physische Gewalt, Essensentzug, drakonische Kollektivstrafen und harte körperliche Arbeit auf der Tagesordnung. Da sich Wolfgang weder dem Heimleiter und den anderen Erziehern, noch den älteren Jugendlichen in seiner Gruppe unterordnen will, eckt er besonders oft an, weswegen er schließlich seine Flucht plant.

Dass die Missbrauchs- und Gewaltvorwürfe gegen kirchliche Einrichtungen aber auch z.B. die altehrwürdige Odenwaldschule früher oder später filmisch verarbeitet werden würden, war abzusehen. Mit den berüchtigten Heimen in der niedersächsischen Gemeinde Freistatt hat es nun Einrichtungen erwischt, in denen es bis zu den frühen 1970ern zu körperlichen Züchtigungen an Heranwachsenden unter einem quasi militärisch geführten Regime kam. Der Film dazu zeichnet sich besonders durch seine Authentizität aus.

„Freistatt“ basiert auf einer wahren Begebenheit, auf der Geschichte von Wolfgang Rosenkötter, stellt das Deutschland der späten 1960er glaubhaft nach und wurde an Originalschauplätzen gedreht. Das verleiht den Bildern des viel zu engen Schlafsaals, in dem ein bis zwei Dutzend Jugendliche auf wenigen Quadratmetern zusammengepfercht wurden und der trostlosen, sumpfigen Umgebung eine Authentizität, die stellenweise erschüttert. Die Geschehnisse im Heim, die brutalen Strafen und das körperlich extrem anstrengende Torfstechen, bei dem einige Jugendliche regelrecht zusammenbrechen, werden glaubhaft inszeniert, was den Film stellenweise unerträglich macht. Wer „Freistatt“ sieht, wird kaum glauben, dass es derartige Zustände vor ein bis zwei Generationen in der Bundesrepublik noch gegeben hat. Ähnlich ernüchternd ist aber auch der Umgang der Jugendlichen untereinander, so disziplinieren die sich gegenseitig mittels körperlicher Gewalt, um Kollektivstrafen gegen die Gemeinschaft abzuwenden. Zwar wirken einige Gewaltspitzen und besonders das Begräbnis eines noch lebenden Jugendlichen am Ende des Films etwas übertrieben, insgesamt überwiegt aber der Eindruck, dass das Gesehene authentisch ist.

Es ist jedoch nicht allein die Darstellung der schockierenden Zustände im Jugendheim, die „Freistatt“ zu einem fesselnden Drama macht, es ist auch die Geschichte des jungen Wolfgang, die emotional berührt und eine gewaltige Dramatik entfaltet. Der junge Rebell, der sich bereits in den ersten Szenen mit seinem Stiefvater anlegt, wird von diesem in das Jugendheim abgeschoben, wo es nur eine Frage der Zeit ist, bis er aneckt. Er gerät in Konflikt mit den Erziehern, aber auch den anderen Jugendlichen und schließlich mit dem Heimleiter, u.a., weil er ein Tabu bricht und mit dessen Tochter verkehrt. Daher treffen ihn die brutalen Strafen besonders oft, aber gerade der Umstand, dass er sich trotz der unmenschlichen Bedingungen nicht fügt, macht ihn so sympathisch und sein Schicksal so tragisch. Gerade dann, wenn der Film mit der Flucht des Jungen und eines Freundes etwas zäher zu werden droht, kommt es zu einem weiteren Schicksalsschlag, da seine Familie ihn erneut ins Heim schickt. Am Ende ist Wolfgang praktisch gebrochen, ein anderer Mensch und kaum wiederzuerkennen. Ein Wandel, der sehr glaubhaft ist und gerade deswegen schockiert. Gut ist aber auch, dass Regisseur Marc Brummund bei seinem Spielfilmdebüt den jungen Wolfgang nicht ausschließlich in die Opferrolle steckt, sondern durchaus ein differenziertes Bild des Jugendlichen vermittelt. Wie er seinen Freund nach der gemeinsamen Flucht abschiebt, obwohl der nirgendwo unterkommen kann, ist herzlos, seine provokante Art erklärt die Gewaltanwendungen der Erzieher zumindest teilweise, wenngleich Brummund sie damit keinesfalls rechtfertigt.

All das steht und fällt letztendlich mit der Darstellung des 14jährigen Louis Hofmann, der seine Sache ausgezeichnet macht, den jungen Wolfgang tadellos und authentisch verkörpert und dafür vollkommen zu Recht einen Bayrischen Filmpreis gewinnen konnte. Trotz seines unnachgiebigen, mitunter auch egoistischen Verhaltens weckt der Jugendliche die Sympathie der Zuschauer, verkörpert den Protagonisten teilweise sehr trotzig und gefestigt, zeigt in den emotionalen Momenten aber immer wieder, dass die Zustände im Heim auch an ihm keinesfalls spurlos vorübergehen, dass bei ihm vieles eben auch Fassade ist. Die problematischen Zustände in kirchlichen Jugendeinrichtungen, die vor allem auch medial in den letzten Jahren massiv aufgearbeitet wurden, werden anhand dieses Einzelschicksals greifbar. Spätestens dann, wenn im Abspann Originalbilder von Heimkindern in der Anstalt gezeigt werden, bleibt der kalte Schauer auf dem Rücken des Zuschauers definitiv nicht aus.

Die Zustände im Heim werden dabei nicht als gegeben hingenommen, die Erzieher und die Heimleitung nicht als eine anonyme Gewalt dargestellt, die die Jugendlichen züchtigt und zur harten Arbeit zwingt. Vielmehr werden auch die Verantwortlichen im Heim durchaus differenziert betrachtet und tiefer konstruiert. Da wäre der Heimleiter, der viel mit seinen Psychotricks arbeitet, zunächst die Sympathie der Jugendlichen zu wecken versucht, sich sorgfältig um seinen kleinen Garten kümmert, das Terrorregime im Heim aber duldet und auch aktiv dazu beiträgt. Außerdem ist da ein brutaler Erzieher, selbst Familienvater, der die Jugendlichen mit militärischem Gehabe und seinem gefürchteten Schlagstock auf das Leben vorzubereiten versucht. Zumindest rechtfertigt er seine Taten so. Der von Max Riemelt verkörperte zweite Erzieher ist der einzige Lichtblick der Jugendlichen, der einzige Verantwortliche, der ein humanes Verhalten an den Tag legt, bis bei der Weihnachtsfeier unverhofft auch seine Untaten ans Licht kommen. Außerdem überzeugt auch die Konstruktion der übrigen Jugendlichen, wobei besonders der von Enno Trebs ausgezeichnet verkörperte Anführertyp eine interessante Wandlung durchläuft. Darstellerisch wie erzählerisch gibt es insgesamt überhaupt nichts zu bemängeln.

Fazit:
„Freistatt“ stellt die Zustände in den niedersächsischen Jugendheimen der Diakonie, das menschenverachtende, quasi militärische Regime der Erzieher, die knallharten Bedingungen unter denen die Jugendlichen leben und arbeiten mussten sowie die brutalen körperlichen Züchtigungen sehr authentisch und schonungslos dar, sodass der Film phasenweise nur schwer zu ertragen ist. Das handwerklich, vor allem aber auch darstellerisch ausgezeichnet umgesetzte Drama überzeugt darüber hinaus durch eine vielschichtige Charakterkonstruktion, interessante Nebenfiguren sowie eine emotionale, mitreißende Geschichte. Kurz um: Besser hätte die brandaktuelle Thematik kaum aufgearbeitet werden können.

86 %

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