Review

Season 1
erstmals veröffentlicht: 08.12.2015

Wie Amazon mit einer Copserie alter Schule den Markt zu erobern gedachte, erschließt sich zwar nicht ganz, aber es scheint ja ganz gut angekommen zu sein. Trotz Titus Welliver, dessen Gesicht zwar irgendwie jeder einmal irgendwo gesehen hat, niemand aber seinen Namen kennt, weil er normalerweise kleine Nebenauftritte in ähnlich gearteter Film- und TV-Ware absolviert.

Doch Welliver macht seine Sache gut und bewegt sich im Grunde genommen ja auch im trendigen Anachronismus, wenn er das leicht unberechenbare Polizeirelikt spielt, das Vinyl hört, mit der Handhabung von Smartphones Probleme hat, den Finger locker am Abzug und einen Mund wie einen Strich.

Dass lediglich zwei ineinanderlaufende Fälle in einer gesamten Staffel erzählt werden, erhält die Abkehr des modernen Fernsehens von der Case-of-the-Week-Struktur, doch der Case selbst ist so altmodisch wie man ihn sich nur vorstellen kann; nichts, was nicht auch bei einem „CSI“-Ableger oder „Cold Case“ in ähnlicher Form bereits zu sehen gewesen wäre. Mit Jason Gedrick ist auch ein markiger Widersacher zugegen, ein echtes Bullface, dessen physische Präsenz durchaus bei der Stange hält.

Es werden Verhöre und Verhaftungen durchgeführt, Häuser werden durchsucht, Mordszenen nachgestellt, Beweisen nachgegangen, Bettgeschichten aufbereitet und Probleme mit der geschiedenen Familie geschildert. All das ist bis ins kleinste Detail immer gut und sehr sorgfältig gemacht (man bekommt für jeden Storyaufhänger eine Aufklärung, selbst wenn er mal ein paar Folgen auf sich warten lässt), was in den 90ern zu einer Topserie gereicht hätte. Aber niemals reicht es zur Großartigkeit. Jene, die uns mit den massiven Kalibern in den letzten Jahren angespült wurde, mit denen das Studio sich eigentlich messen möchte. Selbst die Oneliner Boschs sind niemals schlecht oder gar peinlich, sondern eigentlich immer nur cool. Und damit auch Bosch selbst, der sich in eine Reihe mit JUSTIFIEDs Raylan Givens stellen kann.

Und auch solche Serien braucht es. Eigentlich sind sie aber doch nur der Absacker, nachdem man gesehen hat, wie Andere nach den ganz hohen Früchten gegriffen haben.


Season 2
erstmals veröffentlicht: 20.05.2016

Die zweite Staffel um den eigenbrötlerischen Alte-Schule-Cop Harry Bosch belässt im Sinne ihres Hauptdarstellers so viele Dinge beim Alten wie nur möglich und macht doch deutlich, dass sich die Welt gnadenlos weiterdreht. Der Story Arc distanziert sich davon, einen Antagonisten mit markanter Physis zum Gegenpol Boschs zu stilisieren, so wie mit Jason Gedrick in Staffel 1 geschehen. Zwar gibt es mit Brent Sexton letztendlich wieder einen klaren Gegner, dieser kristallisiert sich aber erst spät heraus und ist eher das Produkt von krimineller Organisation, nicht Einzeltäterschaft. Das verschafft den neuen zehn Episoden einen alternativen Ansatz, bei dem eher auf politische Verstrickungen gesetzt wird sowie auf die daraus entstehenden individuellen Schicksalsschläge, weniger auf ein kontinuierliches Katz- und Mausspiel.

Welliver bleibt dabei die Bank mit den kaltblauen Augen und fährt seine Schiene überwiegend souverän. Lediglich Familienangelegenheiten, ob es sich dabei nun um den Umgang mit Ex-Frau und Tochter handelt oder um die im Hintergrund laufenden Recherchen über den lange zurückliegenden Mord an seiner Mutter, wirken nicht immer ganz natürlich.
(6.5/10)


Season 3
erstmals veröffentlicht: 21.05.2017

Das Gerüst der nun schon fast als langlebig zu bezeichnenden Amazon-Produktion ist inzwischen spürbar eingegroovt, auch komplexere Handlungsbögen werden ohne sichtbare Mühe ausgelegt. Bosch, der in der zweiten Staffel auch mal Leute durch Fensterscheiben warf, um seinem Unmut Luft zu machen, agiert inzwischen etwas beherrschter. Titus Welliver verzieht dabei wie gewohnt keine Miene und wirkt gerade dadurch seinen Gegnern gegenüber in jeder Situation überlegen, auch ohne dazu so offensiv die Alte-Schule-Nummer auszuspielen wie es die Vorgängerstaffeln zu tun pflegten – auch wenn sich einer seiner Widersacher in der Schlussfolge zu einem entsprechenden Spruch hinreißen lässt.

All das verhilft der Serie zu einem sehr robusten und seriösen Gesamteindruck, vermittelt sie doch überzeugend, auf die visuellen Spirenzchen der Konkurrenzformate überhaupt nicht angewiesen zu sein. Anstatt von Cases of the Week gibt es dabei wieder staffelübergreifende Verbrechensermittlung in mehreren Fällen. Sie alle sind spannend, ohne allzu Spektakuläres zu bieten; abgesehen von einem effekthascherischen Cliffhanger am Ende der achten Folge ist eher Feierabend-Schongang angesagt, ohne jedoch wie frei empfangbares Fernsehprogramm auf Köpfchen zu verzichten. Das Scriptwriting ist das bisher smarteste der drei Staffeln, aber es hindert nicht daran, im coolen Takt des Elektro-Jazz-Titelstücks und gleichermaßen in der Couch zu versinken.
(7/10)


Season 4
erstmals veröffentlicht: 09.06.2018
Wer sich hauptsächlich mit Krawumms-Serien beschäftigt oder aber auch Dramen, in denen die Gefühle Folge für Folge bis auf die Knochen freigelegt werden, für den dürfte "Bosch" inzwischen die beruhigende Wirkung einer Valium vor dem Schlafengehen haben. Die Amazon-Produktion, die es bislang erstaunlich weit geschafft hat (Season 5 ist bereits bestellt), scheint mit jeder Staffel tiefer zu stapeln, wenn man mal an die Anfänge zurückdenkt, in denen die Bösewichte zumindest noch hässliche Charaktervisagen hatten und die Titelfigur auch mal mit dem Rammbock aufgeräumt hat.

Anderweitig herrscht das Understatement. Obwohl diese Strategie sicherlich auch ein Garant für den Erfolg war, muss sich die Serie spätestens jetzt die Frage gefallen lassen: Geht's nicht auch mal wieder ein bisschen packender? Immerhin wurde der Handlungsbogen inzwischen fast vollständig auf seine Grundpfeiler zurechtgestutzt, der Raum dazwischen fast vollständig mit Polizeigequassel in Besprechungszimmern mit Papierkram und aufgerollten Hemdsärmeln ausgefüllt. Der ikonisch an einer Seilbahn in Szene gesetzte Mord an einem Politiker wird in Episode 1 zum Auslöser einer Kettenreakion von sozialpolitischen Ereignissen und den Ermittlerarbeiten, die darin eingebettet voranschreiten; irgendwo ist dann auch noch Platz für Familienprobleme im Hause Bosch, ein Gläschen Wein und eine Jazz-Platte vor dem Panoramafenster des nächtlichen L.A. Und natürlich sind auch Fortschritte in der Untersuchung des "Cold Case" um den Jahrzehnte zurückliegenden Mord an Boschs Mutter zu verzeichnen. Same procedure as every season eben.

Titus Welliver ist und bleibt mit seiner coolen Art ein Liebling des Serienpublikums und von seinen Leader-Qualitäten ist auch nach vier Jahren nichts abhanden gekommen; wenn überhaupt, gewinnt er noch hinzu. Dennoch ist auch er Teil der problematischen Entwicklung: Selbst kritische persönliche Schicksalsschläge versanden mit dem unterkühlten Erzählton der Serie im Nirvana der Verdrängung, obwohl an anderer Stelle beispielsweise wieder das alte, emotionale Lied von Vertrauen und Verrat unter Cop-Partnern gepfiffen wird. So lange das Publikum genug hat von den Over-The-Top-Szenarien der Konkurrenz, mag das noch funktionieren, aber irgendwann muss auch "Bosch" wieder selbst abliefern, will es nicht zum Geist seiner selbst werden.
(5/10)

weitere Staffelbesprechungen können folgen.

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