Damenwahl vor Dauerwelle vor Demokratie
Hal Ashby ist einer der unterschätzteren und (zu unrecht) unbekannteren Regieprotagonisten der Sturm-und-Drang-Phase des New Hollywood. „Shampoo“ unterstreicht einmal mehr sein inszenatorisches, thematisches, emotionales und gesellschaftspolitisches Geschick, Gespür, Gefühl. Selbst wenn er hier wohl der Legende nach heftige „Unterstützung“ seines männlichen Protagonisten bekommen hat. Während Ashbys zeitloser „Harold & Maude“ wohl auf ewig sein bekanntestes und bestes Werk bleiben wird, ist auch „Shampoo“ immens empfehlenswert für Freunde des rauen Kinos der 70er. Irgendwo zwischen „Midnight Cowboy“ und „Taxi Driver“ - hier nur mit Dauerwelle und Affärenabo. Zuckerwatte trifft Rasierklingen. Erzählt wird von einem attraktiven Friseur und „Ladies Man“ am Abend der Wahlen '68 (wo u.a. Nixon zur Wahl stand) - doch seine Bettgeschichten und naiv-instinktiven Betrügereien überschatten jegliche entscheidende Weichen am Wahlabend. Zumindest für ihn persönlich und seine Gespielinnen…
Oben kurz, unten lang
Der Fön als Metapher. Die Staaten als oberflächlicher und umtriebiger Friseursalon. Ein paar der schönsten Frauen, die je Hollywood unsicher machten. Bittere Satire oder wunderschöne Watsch'n? Beides. „Shampoo“ ist verspielt, versext und augenzwinkernd, genial nebensächlich und seiner Zeit voraus. In gewisser Weise sogar prophetisch, gesellschaftlich und vor allem politisch. Ein Hidden Gem des New Hollywood. Gewagt und nur auf den ersten Blick oberflächlich-beiläufig. Man spürt Beattys Einfluss und Vision deutlich, er ist klar mehr als nur der Star vor der Kamera. Obwohl man natürlich auch Regisseur Hal Ashby nicht kleinreden darf. Jedoch kokettiert „Shampoo“ eben in allen Belangen mit Beattys Ruf und Vorurteilen, mit seiner Einstellung und Potenz, politisch wie männlich. Dazu seine wundervollen Exfreundinnen, Christie und Hawn, die weit mehr als nur Pfeffer, Puder und Erotik in's Spiel bringen. Eine blutjunge Carrie Fisher. Stilvolle Bilder und Einrichtungen. Entscheidender Small Talk im Hintergrund. Es gibt zu wenige Filme, die elegante Friseursalons zeigen. Wahlveranstaltung und Swinger Club. Unterläuft Klischees, überrennt seinen Zeitgeist. Egal ob geplant oder unbewusst. Und ist somit eine mindestens sehr interessante, wenn nicht sogar herausragende Mischung aus politischen Verschwörungs-/Paranoiaansätzen, etwa eines „Der Dialog“ oder „Die Unbestechlichen“, und einem satirischen Softporno. Beatty zeigt allen, wo der Frosch die Locken hat - und steht am Ende doch verlassen da…
Let's Face It… I Fucked Them All…
Fazit: ein Geheimtipp des New Hollywood, der sich die Haare gewaschen und den Bart gestutzt hat! „Shampoo“ ist politisch, sexy und stylisch. „I just want to suck his cock!“. Starbesetzt und schön geföhnt!