Über den britischen Mooren wehen die Nebel, vom Himmel dringt kaum Licht hernieder, alles ist grau, trübe und in Erwartung baldiger Dunkelheit in "Altar" - einem via Kickstarter finanzierten TV-Grusler nach modernem "Unheimliche-Figur-im-Hintergrund"-Modell - und das ist auch schon die herausragendste Qualität dieses atmosphärisch gelungenen, aber erzählerisch äußerst unterdurchschnittlichen Genrebeitrags.
Wer auf bedrohlich düstere Atmosphäre und nahezu total farblich entsättigte Bilder von britischen Landbauten steht, die dräuend aus der Landschaft ragen und von innen seit 1872 keinen Pinsel Farbe mehr gesehen haben, der ist hier richtig, denn Atmo kann Jan Richter-Friis, der hier unter Nick Wellings Regie die Kamera geschwungen hat.
In diese Anti-Stimmung wird man von Szene 1 an hineingestoßen, doch wo das Unheil zu nahen scheint, ist leider dann das Klischee nicht weit.
Auftritt: die dysfunktionale Familie, die auch noch Kinder geschmissen hat, wieso auch immer.
Da haben wir Mutti, die offenbar im Quartett immer mal die Meinung durchsetzt, eine Restauratorin von Rang, die hier mit der viktorianischen Instandsetzung von "Radcliffe House" (ist Harry Potter zu Hause?) den nötigen dicken Gehaltsscheck verdienen will, denn Gatte Alec bringt wohl seit einiger Zeit nix nach Hause.
Wie denn auch, schraubt der wohl aus Blöcken und Stahlträgern irgendwelche abstrusen Skulpturen zusammen, die bestimmt keiner haben will, für die ihn seine Frau (angeblich) aber so liebt.
Gereicht hat es zu einer schlanken Teenagertochter im Smartphonemodus und einem anspruchsarmen Zwölfjährigen, der angesichts seiner Handlungsbeteiligung in diesem Umfeld längst resigniert hat.
Die Chose ist von Anfang an mies organisiert, die Stimmung trüb, Strom, Wasser und W-Lan sind erstmal nicht zu haben und Hauptdarsteller Geisterhaus legt auch gleich los.
Es knarrt hier, es atmet dort, auf Fotos sind Schatten zu sehen, die Tapete schlägt Wellen, da kann es bis zur weißen Frau nicht mehr lange dauern.
Derweil geht der eigentliche Plan in die Dutten: das Helferteam hat einen Unfall, die hiesige Renovierungscrew ist abergläubig und geht nach dem Fund eines großen Rosenkreuzermosaiks im Dachbodenalterraum ganz stiften.
Im Häusle, so steht zu erfahren, hat der Maler Radcliffe anno 1845 seine Olle in einem Ritual geopfert und irgendwann lag dann eine (seine?) Leiche in dem Gartenbrunnen, den Mutti Meg spätestens nach 10 Ankunftsminuten anfängt, auszubuddeln.
Soweit, so genrebewußt, allein - es funktioniert nicht richtig.
Immer fehlen entweder Motivation oder das notwendige Interesse, mal alles horrortypisch auszuloten.
Stattdessen: Phänomene ohne Basis, Folgen ohne Verständnis.
Offenbar schnippelt sich Papi nach 10 Minuten Haus mit einem Nagel in den Finger und macht fortan auf Jack Torrance. Gleichzeitig blutet er den Rest des Plots vor sich hin (hört nicht auf), mischt die Soße in sein Kreativprojekt (eine Frauenstatue) und saut bei der Abendmassage willentlich seine Frau damit ein.
Das gefällt ihr natürlich nicht und sie geht erst mal heulen und duschen, wobei er sie dann auch fotografiert. Das gefällt noch weniger, doch im Anschluß: nüscht!
Da weiß man nicht, ob das nun perverse Bizarre, komplett Bekloppte oder therapeutisch Gehandicapte sein sollen - auf jeden Fall macht da jeder seins.
Von Übernatürlichem will natürlich niemand was wissen, am allerwenigsten Meg, die der Realität ja noch halbwegs verhaftet ist - besonders als Töchterlein nächtens fast durchdreht und auf eigene Faust einen Geisterfachmann bestellt.
Der wiederum ist superuneffektiv: macht auf mysteriös, dann große Augen, salbadert irgendwelches Zeugs, stößt ominöse Warnungen auf der Basis "laue Luft" aus, verteilt Weihwasser (hä?) und verdrückt sich wieder aus dem Plot.
Später geht es drunter und drüber, was sich aber wirklich 1845 zugetragen hat, wird nie so ganz klar. Auch nicht, wer der dritte Mann im Bunde war, wessen Leiche im Brunnen liegt und wieso der "dritte Mann" zwischendurch auf einen sinistren Besuch vorbei kommt, warnendes Zeugs augenrollend absondert und dann folgenlos wieder verschwindet.
Ob die seligen Rosenkreuzer wirklich so klotzige Todesrituale hatten, wie sie sonst nur Satanisten entwerfen, wage ich genauso zu bezweifeln, wie das Mosaik nicht zum Rest vom Fest paßt. Gegen Ende schafft es das konfuse Skript sogar in einer bizarren Sequenz, die Kinder aus der Handlung zu entfernen: erst düst das Auto mit ihnen ohne Fahrer ab, bemalt sich selbst mit okkulten Zeichen, hält dann auf der Heide und läßt die beiden raus. Notgedrungen wandern sie heimwärts und kommen irgendwann an einer aufgestellten Staffelei vorbei. Darauf: ein Bild von ihnen beiden auf der Heide. Da kommen düstere Geisternebel und trennen die beiden und als man gerade an einen Dimensionswechsel in die Geisterwelt denkt, kommen beide folgenlos wieder daheim an.
Natürlich: es gibt langweiligere Filme und "Altar" macht irgendwie immer was los. Notfalls sieht man einfach mal in einiger Entfernung eine Frauengestalt dräuen oder bei der Gangdurchquerung steht jemand im Hintergrund. Notfalls hecheln wir einfach durch die stylische Grusellocation.
Aber: solche Plots gab es schon reichlich und der hier frustriert besonders durch viele verbleibende Fragezeichen.
Das gilt auch für die Schlußpointe, die irgendwie dahergeprügelt wirkt und gar nicht zu dem Opferritus passen will. Aber vielleicht hat man die Erklärungen ja auch einfach aus Straffungsgründen alle vorab geschnitten.
Ergo: ein hübsch anzuschauender, gar nicht langweiliger Film, der sein Publikum ständig dazu provoziert, sich mühevoll "ungefähre Erklärungen" auszudenken und außer verstören zu wollen keine sonderlich kreative Motivation erkennen läßt.
Gibt Schlimmeres, gruselt manchmal wohlig, macht aber nicht satt und hält wach - leider nur weil man sich über die offenen Fragen ärgert. (4/10)