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"...es gibt diesen einen Augenblick, an dem du meinst du wirst es schaffen....du bist 20, 25, du hast alle Zeit der Welt, es zu schaffen. Du hast es nicht eilig... du fühlst dich stark... und alles scheint möglich... und dann verwandelt sich alles in Scheisse... und das Schlimmste: Niemand sagt dir die Wahrheit..."

Mit diesem nachdenklichen Monolog seines Hauptdarstellers Stelios Maïnas im strömenden Regen nachts in Athen beginnt das griechische Drama Mittwoch 04:45 - er charakterisiert auch zugleich das Dilemma, in dem sich der unscheinbare Mittvierziger Stelios befindet: Vor 17 Jahren hatte er seinen Traum verwirklicht und einen Live-Jazz-Club eröffnet. Damals waren Kredite noch billig und die Zukunft schien rosig, aber anno 2010 hat die Finanzkrise auch sein kleines Etablissement eingeholt und so mußte sich Stelios vor einigen Jahren Geld beschaffen. Den schnellen Kredit bekam er seinerzeit über seinen Mittelsmann und ehemaligen Kompagnon Vassos von einem rumänischen Mafioso - und genau dem sitzt er jetzt wieder in einem Athener Hotel gegenüber und hört einigermaßen fassungslos vom dolmetschenden Vassos, daß er innerhalb eines Tages die mittlerweile auf knapp 150.000 € gestiegene Gesamtschuld begleichen muß. Für den eher lethargischen Stelios, der nie ein besonders guter Geschäftsmann war, fast ein Ding der Unmöglichkeit...

In düsteren, meist nur von (Neon-)Kunstlicht erhellten nächtlichen Szenerien (wie den breiten, sauber betonierten und wenig frequentierten Schnellstraßen im dystopisch wirkenden nächtlichen Athen) darf der Zuschauer die aus den Fugen geratene Welt von Stelios kennenlernen, die nach außen hin summa summarum nicht gerade pleite wirkt: Ein Haus, ein Auto, ein Club, das alles sieht aus dem Blickwinkel des rumänischen Gläubigers gar nicht so düster aus - daß die kleine Musik-Bar mit seinen immer weniger werdenden Besuchern im Finanzkrisen-zerrütteten Athen längst nicht mehr so viel abwirft wie früher und inzwischen auch einige technische Neuerungen dringend geboten wären, ignoriert Stelios, der sich als musikbegeisterter Idealist als bescheidenen Luxus ab und zu mal ein Tütchen Stoff gönnt, ansonsten aber jeden Cent in seinen Club steckt. Wegen dieses Steckenpferds hat er im Lauf der Zeit auch seine Familie vernachlässigt, aber die in die Brüche gehende Ehe mit seiner Frau, die sich fast allein um die Kinder kümmern muß, stört ihn, der sich nebenbei eine jüngere Freundin leistet, auch nicht wirklich. Nun jedoch sitzt er dem Rumänen gegenüber, der in einem Bademantel irgendwas daher schwadroniert, was ihm der ältere Ganove Vassos (stets verbindlich, aber eisenhart: Dimitris Tzoumakis) väterlich-freundlich übersetzt. Warum es in Athen keine rumänische Lux-Cola gibt und ähnliche Banalitäten stehen dabei metaphorisch für die Folgen des Turbo-Kapitalismus, der über den Ostblock und in weiterer Folge über das mittlerweile schwerst verschuldete Griechenland hereingebrochen ist: "Sie nannten es Marktöffnung, aber in Wirklichkeit war es ein Monopol". Doch daran kann Stelios, der selbst über uneinbringliche Forderungen in Höhe von 40.000 € verfügt, keinen Gedanken verschwenden, denn am Ende des Gesprächs bleiben ihm knapp 24 Stunden Zeit, dem Mafioso seinen Club zu überschreiben - die titelgebende Deadline lautet Mittwoch 04:45. Das aber ist gar nicht so einfach, denn dazu braucht es Formulare und vor allem: Zeit. Und die hat Stelios nicht, noch weniger als Geld.

Während sich der Anti-Held des Films um die Papiere bemüht, was ihm dank Beziehungen sogar außerhalb der Geschäftszeit gelingt, gerät er unversehens in die zwielichtige Welt des Rotlichtmilieus, wo er, quasi als kleinen Gefallen zwischendurch - bei einem albanischen Zuhälter Geld für den Rumänen abholen soll - aber diesem Omer steht das Wasser genauso bis zum Hals wie Stelios. Auch er hat einen Sohn, um den er sich nicht immer selbst kümmern kann, was für die Filmhandlung noch von Bedeutung sein wird. Und während Tagträumer Stelios noch darüber nachsinnt, wie angreifbar (s)eine Familie ist, wenn man hohe Schulden hat, wird er unfreiwillig Zeuge, wie sein jugendlicher Dealer von gleichaltrigen Straßenkids zu Tode geprügelt wird.

Diese und andere eindrucksvolle bis verstörende Szenen machen das Flair dieses Film Noir aus, der am Ende auf einen cineastisch maßgeschneiderten Showdown in tarantinoeskem Western-Stil (inklusive Zeitlupen) zusteuert, wenn auf irgendeinem Hochhausdach im verregneten Athen die Übergabe der Papiere stattfinden soll. Überzeugende Darsteller, kantige Charaktäre, hervorragende Bildführung und ein minimalistischer Score plus einiger griechischer Schlager - Prädikat sehenswert! 8,6 Punkte.

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