Eine Kutsche. Banditen. Verfolgungsjagd und Schießerei, Blut und Tote, irres Tempo - und dann: Ein tatsächliches Opfer! Diese wilde Fahrt war eigentlich nichts anderes als eine Kinoszene merken wir, und einer der Stuntleute gerät im wahrsten Sinne des Wortes unter die Räder und stirbt. Wir befinden uns also nicht in einem reinrassigen Western, sondern vielmehr einer Mixtour vom jetzt schon als Kultregisseur zu bezeichnenden Álex de la Iglesia ("El dia de la bestia", "Ein Ferpektes Verbrechen"), der mit "800 Kugeln" eine Art Hommage an die alten Spaghetti-Western abliefert. Ganz deutlich unterstreicht das nach dieser Dampfhammer-Exposition die äußerst stylische, von vertauten an Ennio Morricone erinnernden Klängen untermalte Titelsequenz mit den Anfangscredits, bevor wir zunächst an ganz anderer Stelle in die Geschichte einsteigen.
Der erzieherisch durchaus etwas vernachlässigte kleine Carlos (Luis Castro), Sohn der karrierefixierten Witwe Laura (Carmen Maura), will unbedingt mehr über seinen toten Vater erfahren, womit er jedoch nirgends Gehör findet. So nimmt er die Gelegenheit einer Ferienfreizeit zu entwischen wahr und macht sich auf eigene Faus auf die Suche nach der Geschichte seines Vaters. Die Spur führt ihn aufgrund eines zu Hause zufällig gefundenen Bildes zu seinem Opa Julián (Sancho Gracia), der als abgehalfterter Stuntman mit seinen Saufkumpanen in den Überresten alter Westernkulissen mit Leib und Seele eine ob der verschwindend geringen Besucherzahlen eher bemitleidenswerte Westernstuntshow für Touristen abzieht. Das aktuelle Tagesgeschäft geht schlecht, Julián ergeht sich im Schnaps und schwelgt dafür liebend gern in Erinnerungen an seine grandiose Zeit als Stuntdouble großer Stars in Filmen wie der "Dollar"-Trilogie oder "Patton"! Clint Eastwoods Poncho getragen hat er! 50 Filme als Stunman habe er gemacht und in sieben hatte er sogar Textzeilen! Ja, das waren noch Zeiten.
Und dann urplötzlich konfrontiert ihn sein Enkel, der wie aus dem Nichts in dieses gottverlassene Nest namens Almeria kommt, mit dem Tod des Vaters bzw. Sohnes, den wir in der Einleitung zu Gesicht bekamen. Obwohl nicht zwangsläufig Schuld daran tragend, lastet die Geschichte schwer auf Julián, der während besagtem Dreh, bei dem der Unfall passierte, angeblich betrunken gewesen sein soll. Widerwillig möchte er Carlos am liebsten postwendend wieder nach Hause schicken. Doch einerseits hängt der Junge, fasziniert von der rüden Westernattitüde der Männer, fortan wie eine Klette an seinem Großvater und andererseits ist er praktischerweise mit einer Kreditkarte ausgestattet und kann so die nächsten Saufgelage im Saloon finanzieren. Grund genug für Mutter Laura, als sie die Sache spitz kriegt, an die Decke zu gehen, zumal die pikante Vergangenheit um den Tod ihres Mannes ständig zwischen ihr und Julián steht. Ihre Initiative geht schnell über das simple Heimholen ihres Kindes hinausgeht und schon bald steht das ganze Kulissendorf als heißgeliebter Rückzugsort der Stuntmancrew in Gefahr...
Was sich dann abspielt, wie die Gemüter hochkochen und die Parteien sich gegenseitig aufschaukeln, Julián zur Verteidigung bläst, wie das komödiantisch überzogene Drama immer wieder in Situationen gerät, die in Anlehnung an alte Western tolle Bilder liefern, ist die typisch schräge Art Iglesias. Er beweist einfach Mut zum Verrückten ohne ins Planlose abzudriften und hat keine Angst vor der vermeintlichen Unvereinbarkeit der unterschiedlichen Genres. Er inszeniert krachend drauf los, lässt Spezialeinheiten gegen "Indianer" los, streut Witz und feine Nebendarsteller ein und zitiert bekannte Westernmuster, dass es eine Freude ist! Einfach köstlich wie sich die Stuntleute, halb ihrer Rolle verfallen, selbst in kritisch-lebensbedrohlichen Situationen verhalten und beispielsweise einer von ihnen, nachdem ihn ein Schuss mit scharfer Munition der Polizei durch die Gegend fegt, noch blutend wie am Spieß erkundigt ob es denn auch "realistisch" genaug ausgesehen hat! Und wie in der gleichen Szene der vermeintliche Totengräber der Westerngemeinde mit dem Maßband bei dem Schwerverletzten seines unabdingbaren Amtes waltet - köstlich!
Die spanische DVD bietet ausgezeichnete Bild und Tonqualität, sowie praktischerweise englische Untertitel, dank derer es ein leichtes ist, der Story zu folgen. Leider existiert bislang keinerlei deutsche Fassung von "800 balas", was angesichts der vorhandenen Qualität des Films (auch was den gesamten Look betrifft) und dem auch in hiesigen breiteren Kreisen längst nicht mehr unbekannten Namen Álex de la Iglesia, der hier sowohl als Regisseur als auch gleich als Drehbuchautor und Produzent auftritt, schon verwunderlich ist.
Fazit: Der scheinbar wüst anmutende Mix verschiedener Genreelemente erweist sich als gar nicht zueinander unpassend und ergibt eine turbulente homogene Komödie mit tragischen Momenten. Álex de la Iglesia vergisst nie die Melodramatik seiner Figur Julián, durch welche er durchweg seine Verneigung vor dem Spaghetti-Western vergangener Tage formuliert und auch Carlos steht für die anhaltende bewundernde Faszination für dieses schon so häufig totgesagte Genre. Und bei aller Huldigung und Nostalgie vergisst Iglesia auch seine eigene Geschichte nicht, die ja eigentlich im Hier und Heute spielt. Fehlte nur noch, dass er den wahren Eastwood für die Endszene hätte auftreten lassen können. Aber das Double sieht, geschickt postiert, auch sehr gut aus und seine Zunft könnte man ja ohnehin etwas mehr wertschätzen wie wir nun gelernt haben. Álex de la Iglesia-Fans und Westernliebhabern sei "800 balas" unbedingt ans Herz gelegt! (8/10)