„Der Action-Dauerläufer"
Altersteilzeit ist definitiv nichts für Liam Neeson. Ganz im Gegenteil. Seit er vor acht Jahren mit „Taken" (96 hours) so überraschend wie brachial vom Charakter- ins Actionfach wechselte, ist er zum Workaholic mutiert. Seitdem haut er Jahr für Jahr 2-3 kernige (Action-)Thriller raus und ist sicher maßgeblich mitverantwortlich für die spürbare Renaissance des lange vor sich hin dümpelnden „Kerle-Kinos". Jüngst soll er verlauten haben lassen, dass in ein, zwei Jahren Schluss sein soll mit Action. Also sollten wir die Badass-Auftritte des virilen Iren genießen, so lange es noch geht. Aktuell gibt es dazu wieder Gelegenheit bei „Run all night".
Bereits zum dritten Mal binnen vier Jahren gibt Neeson unter der Regie des Katalaniers Jaume Collet-Serra den vom Leben gezeichneten Haudegen, der in einer Ausnahmesituation nochmals zu alter Höchstform aufläuft. Nach einem Geheimagenten in „Unknown Identity" (2011) und einem Air Marshall in „Non-stop" (2014), darf er diesmal als ehemaliger Mafia-Killer Jimmy Conlon seine alten Fähigkeiten ein letztes Mal auspacken. Just als Alkohol, Einsamkeit und Selbsthass endgültig reüssieren, gerät sein einziger Sohn Michael (Joel Kinnaman) ins Visier eines irischen Gangsterbosses Shawn Maguire (Ed Harris). Dass dieser Conlons ehemaliger Brötchengeber und einziger, noch verbliebener Freund ist, macht die Sache nicht unbedingt einfacher. Zumal Michael seinen Vater ob dessen krimineller Vergangenheit verachtet und seine Hilfe nur sehr widerwillig annimmt.
Die komplexen, konfliktbeladenen und widersprüchlichen Beziehungen des Männertrios sind der Kern des Films, der mehr (Charakter-)Drama als (Action-)Thriller ist und abgesehen von seiner modernen Optik stark an das Genre-Kino der 1970er Jahre erinnert. Vor allem Neeson und Harris liefern sich ein sehenswertes Schauspiel-Duell als alternde Partners in crime, deren jeweils ureigener Moralkodex zum völligen Zerwürfnis führt. Joel Kinnaman („Robocop") kann da als gehetzter Spielball zwischen den gnadenlos verhärteten Fronten nur wenige Akzente setzten.
Anders Collet-Serra. Zumindest gibt er sich redlich Mühe. Nach ruhigem, mitunter etwas zu gemächlichem Beginn, zieht er das Tempo ab der Hälfte unvermittelt an und bläst zur nächtlichen Treibjagd auf das widerwillige Vater-Sohn-Gespann. Maguire hetzt seine gesamte Organisation auf die beiden Flüchtigen, hinter denen auch noch das NYPD her ist. Ob Hatz durch die New Yorker U-Bahn, Faustkämpfe auf beengtem Raum, kurze aber heftige Shootouts, oder eine schnell geschnittene Autoverfolgung, all das hat man sicherlich schon einmal irgendwo gesehen, vielleicht auch besser und druckvoller, dennoch kann der Actionfan mit dem Gebotenen zufrieden sein.
Schwerer wiegt der Eindruck, dass Collet-Serra sich nicht so recht entscheiden konnte, ob er ein actionreiches Drama, oder doch lieber einen dramatischen Actionfilm abliefern sollte. So wirkt die gewählte Mixtur letztlich etwas unentschlossen und beliebig. Dass die Protagonisten zudem auch noch etwas klischeehaft daherkommen, ist ein weiteres Indiz für den lediglich soliden Gesamteindruck.
Optisch bietet „Run all night" dafür einen eigenwilligen Look. Das örtlich und zeitlich verdichtete Geschehen wird durch schnell reingeschnittene, an Google-Maps erinnernde Straßengitter visualisiert. Das ist gewöhnungsbedürftig, aber irgendwie auch originell. Ansonsten herrscht eine grobkörnige, dunkle Bildsprache vor, die den inhaltlichen Old-school-Ansatz auch sichtbar macht.
„Alte Schule" ist auch Liam Neeson, hier wieder mal eine blendende Figur macht und zeigt, dass er mit über 60 noch längst nicht zum alten Eisen gehört. Im Vergleich zum nur zwei Jahre älteren Kratergesicht Ed Harris wirkt er gar wie ein Jungspund. Für kommende Actionaufgaben ist er nach wie vor bestens gerüstet, vielleicht hängt er ja doch noch ein paar Jährchen dran. Kollege Jason Statham muss sonst wieder alles alleine richten.