Review
von Leimbacher-Mario
Leben & Kunst im Gleichgewicht
Das es auch außerhalb des Studio Ghibli sehenswerte Animes gibt, dazu braucht man kein Experte der fernöstlichen Kultur & Filmlandschaft sein. "Miss Hokusai" ist solch ein Fall & geht einem wirklich an's Herz, ist stilistisch sogar gar nicht mal so weit weg von den Meistern um Miyazaki & am ehesten wohl mit "Erinnerungen an Marnie" vergleichbar, zumindest teilweise ähnlich emotional aufwühlend & genreübergreifend breit aufgestellt. Erzählt wird die, auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte der jungen Miss Hokusai, der Tochter eines der berühmtesten Malers Japans. Episodenartig erleben wir Auszüge aus ihrem Leben im 19. Jahrhundert, Geschichten voller Gefühl, Reifung & sogar Erotik & gruseligen Geistern. Skizziert wird ihr Weg zu einer besseren Künstlerin & vor allem reiferen, weiseren Frau.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht unumstritten die Kunst & das Malen, sodass der Film vor allem jedem angehenden Künstler oder Menschen mit Interesse an diesem Hobby & dieser Begabung, an's Herz zu legen ist. Wundervoll werden Bögen geschwungen von Ereignissen im Leben zum künstlerischen Output, wie alles ineinander fließt & sich gegenseitig inspiriert. Sei es Trauer, Liebe oder Angst. Der Humor ist oft etwas tollpatschig & unreif, genauso wie die Figuren, funktioniert hierzulande wohl nicht ganz so gut wie in Japan selbst. Trotzdem spürt man schnell, wie viel persönliche Gefühle & Liebe zum Detail die Macher in das ungewöhnliche Biopic einer starken Frau haben fließen lassen. Vor allem unsere Protagonistin O-Ei Hokusai ist alles andere als eine typische, weibliche Charakterschablone, sondern stark, nachvollziehbar, vielseitig & vorbildlich. Erst recht für das 19. Jahrhundert. Eine echt starke Frau & ein Highlight was Gleichberechtigung dieses Jahr betrifft.
In Sachen emotionaler Reife genau wie hübscher Bilder, kommt das introvertierte, clevere Werk fast an Ghiblis Glanz heran & ist oft optisch einfach hinreißend, vor allem die Panorama-Bilder der Stadt im Wandel der Jahreszeiten. Die Musik hingegen war nicht immer passend, oft hektisch & viel zu rockig. Seltsame Entscheidungen & Kombis wurden hier getroffen. Durch die recht zähe Erzählweise hat der Film zwar, trotz abwechslungsreicher Episoden, seine Hänger, was man jedoch durch eine kurze Laufzeit gut verkraftet. Besonders berührend waren die Szenen mit der blinden kleinen Schwester, welche vor allem Vätern nicht mehr so schnell aus dem Kopf gegen werden. Überraschend melancholisch & spirituell, gehört "Miss Hokusai" sicher zu den besseren Animationsfilmen des Jahres, was sogar mit einer kleinen Kinoauswertung in Deutschland belohnt wurde. Ein Anime für Geniesser & nachdenkliche Künstler.
Fazit: emotionale, künstlerisch wertvolle Anime-Ballade & ein paar abwechslungsreiche Episoden aus dem Leben einer Künstlerin/Frau, die es wert ist, entdeckt zu werden. Kurzweilig, gefühlvoll & manchmal sogar klassisch asiatisch gruselig - insgesamt nicht ganz auf Ghibli-Niveau & eher für die härteren Anime-Fans, jedoch trotzdem sehenswert!