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Am 10. Mai 1996 versuchten über 30 Bergsteiger den Gipfel des Mount Everest zu erklimmen, darunter zahlreiche Kunden kommerzieller Reiseanbieter. Unter den Aufsteigenden waren u.a. die Gruppen der Bergführer Scott Fischer, gespielt von Jake Gyllenhaal, und Rob Hall, gespielt von Jason Clarke. Nachdem einige Bergsteiger am Tag des Aufstiegs den Gipfel des höchsten Bergs der Welt erreicht hatten, kam es beim Abstieg infolge fataler Planungsmängel sowie eines plötzlichen Wetterumbruchs zu einigen tragischen Todesfällen.

Da mit Jon Krakauer am 10. und 11. Mai 1996 auf dem Mount Everest auch ein Journalist zugegen war, der eigentlich über die kommerziellen Gipfelbesteigungen berichten wollte, wurden die fatalen Ereignisse auf dem Dach der Welt ausführlich dokumentiert, weshalb diesen auch in der Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit zuteilwurde. Da auch andere Beteiligte, u.a. ein von Krakauer in dessen Buch kritisierter Bergführer, später ihre Erinnerungen veröffentlichten, lassen sich die tödlichen Umstände heute gut rekonstruieren und damit auch filmisch verarbeiten. Das geschah in den späten 90er Jahren bereits mit dem Spielfilmen „In eisigen Höhen - Sterben am Mount Everest“ sowie „Everest - Gipfel ohne Gnade“, einem Dokumentarfilm. Einen vergleichbaren Aufwand wie der isländische Regisseur Baltasar Kormakur, der mit einem namenhaften Starensemble und einem Budget von über 50 Millionen Dollar zu Werke ging, hat bei der Verfilmung des Unglücks aber noch niemand betrieben. Und - was soll man sagen - es hat sich gelohnt.

Kormakur, der sich unter anderem mit „Run for Her Life“, „Contraband“ und „2 Guns“ einen Namen machen konnte, lässt bei „Everest“ kaum Bergsteigerromantik aufkommen. Er zeichnet das Bild eines überlaufenen Berges, dessen Basislager aufgrund der kommerziellen Bergsteigergruppen aus allen Nähten platzt. Einer der Bergsteiger beschwert sich bereits am Anfang des Films darüber, dass er an einer Leiter, die über eine Gletscherspalte führt, lange anstehen muss, wie an einer Supermarktkasse. Eine Zeitverzögerung, die in eisigen Höhen bei dünner Luft überlebenswichtige Kräfte kosten kann. Er zeigt Männer (und auch Frauen), die sich selbst über- und die Gefahren auf dem Berg unterschätzen, die ihre körperlichen Limits überschreiten und für einen Gipfel dieser Art zwar über genügend finanzielle Mittel, mitunter aber nicht die ausreichenden Erfahrungen in luftigen Höhen verfügen. Die Gipfelbesteigung des Everest ist eben kein einsames Ereignis mehr, sondern ein Geschäft. Diese Wahrheit macht „Everest“ zu einem desillusionierenden Bergsteigerdrama, aber auch zu einem realistischen und sehr interessanten, vor allem für Zuschauer, die mit der Materie weniger vertraut sind.

Kormakur versucht, möglichst viele Teilnehmer der beiden Bergsteigergruppen ins Geschehen zu integrieren und die schicksalhaften Ereignisse möglichst genau zu rekonstruieren. Das macht seinen Film umso interessanter, aber stellenweise auch etwas unübersichtlich. Weil man die Gesichter der vermummten Bergsteiger, zumal im Schneetreiben, kaum erkennen kann, fallen Zuordnung und Verortung des Gezeigten mitunter etwas schwer, was der Dramatik jedoch kaum einen Abbruch tut. „Everest“, den Kormakur sehr packend erzählt und kontinuierlich vorantreibt, gönnt dem Zuschauer, wie auch den Protagonisten, nämlich kaum eine Atempause. Sicherlich sind einige dramaturgische Schnitzer unverkennbar, so sind die Telefonate der Bergsteiger mit ihren Familien am Ende des Films etwas kitschig und wirken wie eine Überdramatisierung der Ereignisse, wenngleich sie tatsächlich stattgefunden haben. Auch die tödliche Fehlerkette am Tag des Unglücks wird nicht immer klar verständlich herausgearbeitet, doch auch das fällt kaum ins Gewicht.

Denn „Everest“ ist, wenngleich Kormakur den Aufstieg auf den höchsten Berg der Welt nicht romantisiert, ein grandioses Stück Überwältigungskino, das den Zuschauer auch durch seine bombastischen Bilder voll in seinen Bann zieht. Es gibt beeindruckende Kamerafahrten in luftigen Höhen zu sehen, malerische Bilder vom Dach der Welt, die aber auch in 2D vermutlich nichts von ihrem Reiz eingebüßt hätten. Das Unwetter am Ende des Films, bei dem es im Kinosaal, lediglich unterbrochen von den Szenen aus den Schlafzimmern der Angehörigen, permanent aus den Boxen dröhnt, wird dann regelrecht zu einem physischen Erlebnis.

Angesichts der großen Anzahl an Figuren, die Kormakur in seinem Film thematisiert, lässt es sich kaum vermeiden, dass der eine oder andere bei der Charakterkonstruktion zu kurz kommt, doch auch das lässt sich verschmerzen, zumal der namenhafte Cast sehr gut dagegen anspielt und ohnehin eher die Ereignisse als die Figuren im Vordergrund stehen. Das Hauptaugenmerk Kormakurs gilt dem von einem souveränen Jason Clarke verkörperten Bergführer Rob Hall, der eigentlich großen Wert auf die Sicherheit seiner Kunden legt, sich aber schließlich u.a. aus finanziellen Gründen dazu hinreißen lässt, seine Bedenken in den Wind zu schlagen. Seiner von Keira Knightley verkörperten schwangeren Frau hätte Kormakur jedoch nicht so viel Laufzeit zugestehen müssen. Etwas vertieft wird auch der Texaner Beck Weathers, gespielt von einem charismatischen und überzeugenden Josh Brolin, der später ein Buch über seine Erlebnisse auf dem Everest veröffentlichen sollte. Ansonsten gibt es viele sehr überzeugende Stars wie Robin Wright, Emily Watson, Jake Gyllenhaal oder Sam Worthington in Nebenrollen zu sehen.

Fazit:
„Everest“ ist trotz kleinerer dramaturgischer und erzählerischer Schnitzer ein überwältigendes Bergsteigerdrama geworden, das eine interessante Geschichte nach wahrer Begebenheit erzählt, mit einer dichten Atmosphäre fesselt und das Ganze mit beeindruckenden Bildern garniert. Statt dabei in rührseligen Bergsteigerkitsch abzudriften, wirft Regisseur Baltasar Kormakur einen kritischen Blick auf die kommerzielle Ausschlachtung des höchsten aller Berge. Schade, dass der Film nicht ein paar Minuten länger geworden ist, so hätte sich Kormakur noch intensiver mit seinen Figuren beschäftigen und die Ereignisse noch detaillierter schildern können.

88 %

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