"Warum wir es nicht in der Broschüre beschreiben? Weil es hauptsächlich Schmerz ist."
Die Besteigung des Mount Everest im Himalaya wurde bis zum Jahre 1993 nur durch professionelle Bergsteiger durchgeführt. Doch als Rob Hall (Jason Clarke) eine Firma gründet und Touristen eine begleitende Führung zum Gipfel anbietet, scheint das Mysterium des Berges vergangen. Das Konzept geht auf und weitere Unternehmen ziehen in den nächsten Jahren nach. 1996 gibt es zahlreiche Anbieter mit Expeditionen und es herrscht ein reges Treiben in den Camps.
Die neue Gruppe von Rob besteht aus Reportern, Personen mit Geld und Extremsportlern. Doug Hansen (John Hawkes) ist als gewöhnlicher Briefträger die Ausnahme neben Millionär Beck Weathers (Josh Brolin) und der Japanerin Yasuko Namba (Naoko Mori), die bereits sechs der sieben höchsten Berge bestiegen hat. Rob tut sich durch den unsicheren Aufstieg mit seinem Konkurrenten Scott Fisher (Jake Gyllenhaal) zusammen. Zu Beginn läuft der Aufstieg gut. Aber ein plötzlich aufkommendes Unwetter setzt die Gruppen in der Nähe des Gipfels fest.
Das Bergsteigerdrama "Everest" behandelt die unglücklichen Ereignisse im Mai 1996 bei einer Besteigung des Mount Everest. Dabei geht der Film sehr klassisch vor: Er definiert zuerst die zahlreichen Charaktere, dokumentiert den Aufstieg und konfrontiert die Figuren mit schnellen Wetterwechseln. Im Kern die gleiche Geschichte wie bei zahlreichen gelungenen Konkurrenten. Jedoch mangelt es "Everest" an einer Figurenbindung und erzählt seine Geschichte überaus unübersichtlich.
Die Bemühung, die wichtigsten Figuren zu Beginn sympathisch zu präsentieren, misslingt fast gänzlich. Oberflächlich handelt der Film seine Figuren ab und gibt ihnen nur Klischees mit auf den Weg. Die Fülle an Personen führt zu fremd bleibenden Charakteren, was eine ernsthafte emotionale Bindung verhindert und somit die Spannung enorm reduziert. Später kommen noch Unübersichtlichkeiten, wie nicht zuordbare Lawinen, hinzu. So kann man nur erahnen, wem gerade ein Unglück widerfahren ist.
Der sehr sachlichen Erzählweise fehlt es an Höhen. Zwar versucht "Everest" in der zweiten Hälfte mit beeindruckender Wucht das Wetter als Widersacher darzustellen, der wahre Feind ist jedoch der mangelnde Sauerstoff. Dieser unsichtbare Feind wird zwar erwähnt, jedoch wenig greifbar dargestellt.
Ähnlich verhält es sich mit Problemen des Massentourismus. Vermüllung, Fehleinschätzungen der eigenen Ausdauer und auch das Konkurrenzverhalten werden zu Randerscheinungen. Gerade daraus hätte sich wendungsreicher Stoff generieren lassen.
Die Optik ist solide. Vor allem mit ein paar weitsichtigen Landschaftsbildern punktet "Everest". Die Effekte sind stimmig, ebenso der atmosphärische Soundtrack. Leider werden die Feinheiten und Schwierigkeiten des Bergsteigens nur nebenbei abgehandelt. Einige Bilder muss man somit eigenständig interpretieren.
Die Möglichkeiten der überaus charismatischen Darsteller Jake Gyllenhaal ("Nightcrawler - Jede Nacht hat ihren Preis", "Prince of Persia: Der Sand der Zeit") und Josh Brolin ("Sin City 2: A Dame to Kill For", "Jonah Hex", "True Grit") werden nicht genutzt. Jason Clarke ("Terminator: Genisys", "Planet der Affen: Revolution") ist nicht in der Lage den Film allein zu stemmen.
Die Nebenbesetzung besteht aus weiteren hochkarätigen Darstellern, wie beispielsweise Robin Wright ("House of Cards", "Forrest Gump"), Emily Watson ("Equilibrium - Killer of Emotions"), Keira Knightley ("The Imitation Game - Ein streng geheimes Leben", "Fluch der Karibik"-Reihe) und Sam Worthington ("Avatar - Aufbruch nach Pandora", "Terminator: Die Erlösung").
In fast allem ist "Everest" eine sachlich, oberflächliche Erzählung über ein vergangenes Unglück, das stets unterkühlt und emotionslos bleibt. Die Distanz verhindert den Zugang zu den Figuren, den dramatischen Momenten und dem Spannungsaufbau. Somit schleppt sich das Bergsteigerdrama überwiegend vorwärts ohne etwas Neues zu bieten. Schade um ein paar tolle Bilder und das vorhanden Potential.
4 / 10