Review

Es mag dem puren Zufall bzw. einem glücklichen Umstand zu verdanken sein, daß im ersten Quartal des Jahres 2015 gleich zwei Filme von im Grunde 'neuen' Regisseuren erschienen, die neben und trotz dem Setting jetziger (damaliger) Aktualität die Schiene der seligen Vergangenheitsbewältigung und dort die Phase der Nostalgie bedienen. Beides Werke von bisher unbekannten Kräften, die bisher weitestgehend abseits des Stehens im Scheinwerferlicht des Filmbusiness dienten, aber dennoch seit Jahren hinter der Kamera, in der Produktion oder auch der Kreation und Kreativität dabei und so in Kenntnis der Umstände dabei sind. Die Rede ist von Lee Bo-cheung und seinem Gangster Payday, in dem im Gangster- und Triadenmilieu die Sehnsucht nach früheren Tagen und der Gewohnheit und Sicherheit zu einstmaligen Zeiten die Rede ist; und von Lau Ho-leungs, der mit dem Debüt Two Thumbs Up gar Ähnliches im Cops and Robbers Umfeld recherchiert. Während sich dort zwischen Drama und Romantik und letztlich dem Thriller bewegt wird, wird hier die groteske Burleske, die Schwarze Komödie, die überdrehte Genregeschichte arrangiert:

Als der Kleinganove Lucifer [ Francis Ng ] nach mehreren Jahren Haft in einem taiwanesischen Gefängnis wieder in die Freiheit entlassen wird, führt ihn sein erster Weg zurück nach HK und dort zur Reaktivierung der alten Gang. Die erst wenig begeisterten Chow Tai-po [ Simon Yam ], Johnny To [ Patrick Tam ] und Lam Tung [ Mark Cheng ] lassen sich von der Reunion und der Wiederbelebung eines 16 Jahre alten Planes erst wenig begeistern, machen dann mangels Alternativen in ihrem sonstigen Leben allerdings doch mit. Lucifer will aus mehreren gestohlenen Bestandteilen diverser ausrangierter Einsatzfahrzeuge der Polizei ihren eigenen Kleinbus zu einem vermeintlich echten Vehikel und sich zusätzlich mit Uniformen und Dienstmarke und so als Helfer für Recht und Ordnung ausstaffieren. Derart ausgerüstet soll ein nächtlicher Leichenwagentransport angehalten werden, bei dem man das Schmuggeln von viel Geld über die Grenze vermutet. Schnell stellt sich dabei heraus, dass die Ausführung des Planes erstmal gelingt und die Idee wohl doch gut ist, allerdings auch eine zweite Gang [ unter Führung von Patrick Keung und Rock Yi ] auf das gleiche Vorhaben gekommen ist. Und dass auch noch ein cleverer echter Polizist, der Jungspund Tsui On-leung [ Leo Ku ] in dem bald trotz der Nachtschwärze kunterbunten Geschehen mitmischt.

Wahrhaft erstaunlich ist dabei das Gefühl, dass der Film schon von Beginn an weg auslöst: trotz der Voraussetzung der ersten Regiearbeit sitzen die Bilder wie gegossen und passt auch der Schnitt, wird sich zielsicher und wie trunken vor Überzeugung und dies in richtiger Einschätzung der Lage fortbewegt. Kräftige Farben, später in der Endfassung der Geschichte – die an einem einzigen Tag bzw. einer langen und vor schieren Material an Ideen und Verwicklungen nicht enden wollenden Nacht spielt – , auch die schmeichelnde Ausleuchtung, die das Geschehen in gelb und blauschwarzen Tönen und mit allerlei Gimmicks in der Visualität widerspiegelt. Ein gleichzeitig durchorganisiertes und prall wuselndes Durcheinander, dass in einer Zwischenwelt außerhalb von Stadt und Ortschaft und so fern der Zivilisation, teilweise gar abseits noch von Handyempfang und deswegen wahrlich im Nichts von Wald und Straße ihren Grundstein legt.

Falsch ist das erste Team von Polizisten, falsch auch das zweite, dass sich ebenfalls als Gangster entpuppt. Falsch sind die Wagen, die die Personen durch das Nirgendwo und immer wie im Kreise herum kutschieren. Falsch ist auch das Anliegen der meisten und vor allem auch der Hauptpersonen, die nach strenger Auslegung nun mal die Robbers in der Geschichte und damit die Verbrecher, theoretisch die Bösen, hier aber die Sympathiefiguren sind. Richtig ist vieles andere, die Bildvorstellungen des frisches Regisseurs, der trotz einer Vielzahl von Spielereien in der Optik, wie Split Screen, Einblendungen von Text, von Spiegelschrift, von der Imagination der Personen, zusätzlich noch von Rückblenden, von Vorahnungen, aber auch von bloßen Gedanken und trotzdem nicht allein verlassend auf diese Menge und auch nicht zu überborgend im Sinne von Mehr Schein als Sein verlässt.

So zählt nicht allein das Aussehen, ebenso wenig wie das Äußere der Charaktere erstmal nur Fassade und die Um- oder auch Verkleidung von noch so vielem mehr ist. Lau, der seit Anfang des neuen Jahrtausends als Autor, als Schreiberling für u.a. Gordon Chan, Dante Lam, Daniel Lee und Derek Yee mit verantwortlich in der Ausgestaltung des neueren Hongkong-Kinos tätig war, orientiert sich hierbei an den mitverfassten Runaway (2001) und Once a Gangster (2010) und somit im leichten und spielerischen, aber vielmals interpretierbaren und auf mehreren Ebenen tätigen Stil. Das bloße Unterhaltungsmärchen, dass anfangs nur scheinbar in der Realität, bald aber sichtlich erkennbar in einer zweiten Fassung dessen, in einer Wunsch- und Vorstellungswelt parallel dazu spielt, mit Handelnden, die gerne ein anderes Leben als das Bekannte hätten und dadurch mehr in der Phantasie als in der Tatsächlichkeit zu Hause sind.

So ist der einzige richtige Cop für den Beruf gar nicht gemacht und trotzdem der Beste auf seinem Gebiet, während die vermeintlichen Gauner mit ganz viel Skrupel und noch mit viel mehr Menschlichkeit, in ihren Berufszweig somit denkbar ungünstig ausgestattet sind. Trotz einiger Toter in Skript und Bild ist eine wahre Ernsthaftigkeit ebenso wenig zu finden wie dies ein Schaden für die Dramaturgie, vielmehr verantwortlich für das Wecken von Identifikation wie auch etwas Emotionalität im Zuschauer ist. Positiv neben der Spielfreude aller Darsteller ist schon ihre Besetzung aus 'Urgesteinen', die teilweise fest verankert schon in den Achtzigern – Simon Yam und Mark Cheng, auch Francis Ng –, und ansonsten viel verantwortlich für den medialen Ausstoß der Neunziger und eben immer noch anwesend im Business und weiter gern gesehen oder gerne wieder gesehen sind.(Leo Koo haben die Meisten seit Task Force, 1997 nicht mehr auf dem Schirm gehabt, und tut hier immer noch den Rookie Cop, den Jüngsten unter den Anwesenden spielen.)

Und ja, teilweise wird zuviel durch die Regie erklärt und Manches doppelt und dreifach erzählt, und die eigentlich in einem Satz zusammenfassbare Story ein wenig gezogen und gedehnt. Dafür gibt es als Ausgleich Charme und Humor und auch etwas "spraying bullets with their AK's" Action, eine annehmbare Finanzierung hinter dem Projekt – auch mit chinesischen Geldern, was man in dem Fall dem Endergebnis aber nicht direkt ansieht – , einige Gastauftritte von Regisseurskollegen wie Felix Chong, Alan Mak und Law Chi-leong die Ehre erweisen, man ohne aktives Hintergrundwissen aber natürlich nicht vom Gesicht und so ebenfalls nicht erkennt. Es gibt Reminiszenz und Pflicht und Kür, und Training und Geltendmachung, teilweise reichlich belämmert bis albern und als wild gewordener Spielplatz dargeboten, was allerdings nur die zu Erwachsen geworden oder kleingeistig Gebliebenen stört.

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