kurz angerissen*
Einen originellen Weg hat das Studio ja endlich mal wieder gefunden, um animationsfilmtypisch dem entzaubernden Realismus aus dem Weg zu gehen – wenn man schon im Tierreich keine ungerupften Felder mehr vorfinden kann, so zieht man sich einfach in den menschlichen Kopf zurück, der bequemerweise auch gleichzeitig Hauptadressat eines jeden Pixar-Films ist mit seinen aufs Einfachste heruntergebrochenen Emotionen Freude, Angst, Wut, Trauer und Sidekick Ekel. Was hätte aus dieser Abstraktion des endlos Komplexen für ein Feuerwerk hervorgehen können. Die Ideen sprießen bei der bloßen Vorstellung. Keine Frage, konzeptionell hat man nach wenig risikofreudigen Sequels („Toy Story 3“, „Cars 2“, „Die Monster Uni“) und einer konservativen Abenteuergeschichte („Merida“) nochmal einen Volltreffer gelandet.
Obwohl man das Design der „Emoticons“ in der Steuerzentrale Kopf mit seinen leuchtenden Farben und den fransigen Konturen als fragwürdig bezeichnen kann, zeigt das Animationsteam bei der Bebilderung des Innenlebens eines Mädchens durchaus spannende Ansätze. Das an „Oben“ erinnernde prologartige Schildern der ersten Jahre gehört einmal mehr zu den Highlights, da es gelingt, viele Informationen und Gags in wenige Minuten zu packen und dabei trotzdem so etwas wie familiäre Wärme auszuströmen.
Je weiter die Handlung jedoch voranschreitet, desto größer bläst sich ein kaum zu ignorierendes Problem auf: Nicht immer wird „Alles steht Kopf“ mit der vereinfachten Darstellung beispielsweise von Murmeln, in denen Erinnerungen gespeichert sind, den komplexen kognitiven Abläufen im Gehirn gerecht. So bekommt man das Gefühl, es werde nicht das ganze Wesen der Hauptfigur gezeigt. Es sind eher einzelne Verrücktheiten, die zu einem gelungenen Gesamtbild beitragen, etwa ein völlig absurder imaginärer Freund aus der Kindheit, der in mancher Weise an die psychedelische Traumszene aus „Dumbo“ erinnert. Auch die (viel zu seltenen) Ausflüge in die Gedanken anderer Charaktere überzeugen stets mit der sprühenden Präsentation von Typen-Klischees. Mehr als es die etwas zähe Gedankenwelt-Konstruktion eigentlich zulässt.
Schuld daran sind vielleicht auch Chef-Emotion Freude und ihre anders gestimmten Freunde; das identitätslose Gewusel einer Minions-Schar lassen sie natürlich als ausformulierte Charaktere weit hinter sich, doch obwohl die Interaktion der Emotionseinheiten miteinander stark im Vordergrund steht, scheint sie kaum ausgearbeitet zu sein. Insbesondere eine Frage stellt sich: Warum agieren alle so bedingungslos fürsorglich miteinander? Hätte eine komplementäre, aber Unterschiedlichkeiten durch Rivalitäten stärker betonende Umgangsform gegensätzlicher Emotionskörper nicht mehr Feuer ins Drehbuch gebracht – und in letzter Instanz ironischerweise mehr Emotionen?
Für die Grundidee muss man Pixar im Gegensatz zu ihren letzten Ergüssen loben, aber in der Umsetzung ergeben sich doch manch fragwürdige Entscheidungen. Im Abgang ein ähnlich zwiespältiges Erlebnis wie „Oben“.
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