Los Angeles, San Francisco und anderen Staaten an der US-amerikanischen Westküste steht eine Katastrophe bevor. Die San-Andreas-Verwerfung kommt nämlich in Bewegung, was zahlreiche Erdbeben der Stärke 9, Überschwemmungen und weitere Nachbeben zur Folge hat. Mittendrin versucht ein Hubschrauberpilot, gespielt von Dwayne „The Rock“ Johnson, seine Tochter und seine Ex-Frau aus den kalifornischen Großstädten zu retten, in denen die Wolkenkratzer reihenweise einstürzen. Währenddessen versucht ein Geowissenschaftler, gespielt von Paul Giamatti, möglichst viele Menschen mit seinen lebenswichtigen Informationen zu erreichen.
Seit sich Roland Emmerich, dem wir einige sehr gelungene Katastrophenfilme wie „The Day After Tomorrow“ oder „2012“ verdanken, lieber seinem Shakespeare-Projekt „Anonymus“ und einem Anschlag auf das Weiße Haus befasst, sind Katastrophenfilme in den Lichtspielhäusern rar geworden, zumal die großen Budgets ohnehin lieber für lukrativere Comic-Verfilmungen und Sequels gängiger Klassiker verwendet werden. Dass nach einem finanziellen Erfolg meist kein Sequel mehr gedreht werden kann, dürfte dem Katstrophengenre ebenfalls nach aktueller Lage nicht gerade entgegen kommen. Etwas abschreckend dürfte sich auch der mäßige finanzielle Erfolg des Tsunami-Dramas „The Impossible“ vor knapp drei Jahren ausgewirkt haben. Mit „San Andreas“ war es nun aber wieder so weit: Endlich sollte noch einmal ein gewaltiger Katastrophenfilm mit großem Budget und noch größeren Zerstörungen in die Kinos kommen. Doch viel Grund zur Vorfreude liefert „San Andreas“ leider nicht.
Dabei ist das Szenario grundsätzlich nicht schlecht gewählt. Die San-Andreas-Verwerfung und ein gewisses Erdbebenrisiko an der Westküste der USA gibt es wirklich. Und weil neben einigen Atommeilern oder dem Hoover Damm auch die Metropolen San Francisco und Los Angeles in den Bereichen liegen, die von einem Beben zerstört werden könnten, konnten die Macher auf eine halbwegs realistische aber dennoch absolut verheerende Katastrophensituation zurückgreifen. Zumindest visuell spielt Regisseur Brad Peyton, der zuletzt „Die Reise zur geheimnisvollen Insel“ inszeniert hatte, dieses Szenario auch gelungen aus, liefert eindrückliche Bilder der Erdbebenkatastrophe. Man sieht die Hochhausschluchten von San Francisco und Los Angeles, die von einer gigantischen Welle überflutet werden, Hochhäuser, die während des Bebens schwanken und einstürzen, mittendrin Menschen, die in Panik um ihr Leben fürchten und der Katastrophe irgendwie zu entgehen versuchen. Wenn der Pilot aus dem Fenster seines Hubschraubers blickt, sieht er, wie Autobahnbrücken und Gebäude einstürzen. Es sieht, aus der Distanz betrachtet, aus wie eine kleine Legowelt, die in ihre Einzelteile zerfällt, nur, dass das Geschehen real ist. Und gerade diese Bilder bleiben durchaus hängen, zumal Peyton sie gelungen einfängt und es auch an den Spezial-Effekten wenig auszusetzen gibt. Eine perfekte Zerstörungsorgie ist ihm so jedenfalls gelungen.
Aber das war es dann auch schon mit den Vorzügen von „San Andreas“. Eine große Schwäche des Films besteht in der vorhersehbaren Handlung. Mama und Papa, die Ex-Mann und Ex-Frau sind, machen sich auf den Weg durch das zerstörte Kalifornien, um die Tochter zu retten, nachdem der Stiefvater in dieser Beziehung keinen guten Job gemacht hat. Daneben werden noch ein paar andere Schauplätze und Figuren aufgegriffen, die neben der Familienzusammenführung aber klar zurücktreten müssen. Eine verbrauchte und kalkulierbare Geschichte allein ist aber noch kein Ausschlusskriterium für einen guten Katastrophenfilm, schließlich hat ja auch „The Day after Tomorrow“ das Genre nicht gerade neu erfunden. Doch angesichts der absolut profillosen Figuren und der vollkommen vorhersehbaren Ereignisse, will hier überhaupt keine Spannung aufkommen und auch wenig emotionaler Bezug zu den Figuren. Auf Dauer langweilt es so nur noch, wenn wieder einer der Protagonisten in allerletzter Sekunde mit mehr Glück als Verstand vom einstürzenden Hochhaus/ über den Kamm der Monsterwelle oder aus dem eingeklemmten Auto entkommt. Bezeichnend ist, dass etwa die Wiederbelebungsversuche der ertrunkenen Tochter am Ende überhaupt keine Dramatik aufkommen lassen, weil vollkommen absehbar ist, was wohl in der Folge passieren wird. Zwar ist „San Andreas“ durchaus zügig erzählt, mehr als mittelmäßige Unterhaltung bietet er so aber dennoch nicht, weil letztendlich nur das altbekannte Pflichtprogramm des Katastrophengenres inspirationslos abgehandelt wird.
Im Cast überzeugt allein Paul Giamatti, der als engagierter Wissenschaftler zumindest glaubhaft agiert, wenngleich man sich seinen Subplot komplett hätte schenken können. Interessante Fakten über die San-Andreas-Verwerfung und ein mögliches Katastrophenszenario an der amerikanischen Westküste liefert er jedenfalls nicht, nur ein paar allgemeine Hintergrundinformationen, die auf einem Bierdeckel Platz gehabt hätten. Dwayne „The Rock“ Johnson, der darstellerisch Solides zeigt und aufgrund seiner Physis sehr präsent ist, will dagegen nicht so recht in seine Rolle passen, allein schon deshalb, weil er nicht wirklich wie der Pilot eines Rettungshubschraubers aussieht, sondern eher wie jemand, der die entstandenen Gräben mit purer Muskelkraft wieder schließen könnte. Da war er in „Fast and Furious“ und „Herkules“ auf jeden Fall authentischer besetzt. Die übrigen Darsteller sind vor allem austauschbar, was aber auch der flachen Figurenzeichnung geschuldet sein könnte.
Fazit:
„San Andreas“ unterhält mit seinen massenhaften, gut gefilmten Zerstörungsorgien auf mittelmäßigem Niveau, krankt aber an seiner vorhersehbaren Story, den austauschbaren Figuren, den etlichen Genre-Klischees und der nicht unbedingt glücklich gewählten Besetzung. Damit ist er der Inbegriff eines mittelmäßigen Katastrophenfilms.
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