Daß man die Leute bei starken Stimmungsschwankungen mit kleinen gelben Pillen füttert, soll ja vorkommen, es funktioniert manchmal aber auch ohne orale Aufnahme.
Gute Unterhaltung kann auch homöopathisch funktionieren, wobei die kleinen gelben Pillen aus dem „Despicable Me“-Universum, die „Minions“ jetzt einen regelrechten Hype ausgelöst haben, seit bekannt wurde, dass die Sidekicks ihren eigenen individuellen Film bekommen werden.
Dieser Tage kann man eigentlich nicht mehr richtig ausgehen, ohne zumindest im Kaufhaus oder Supermarkt von den pillenförmigen Kerlchen mit wahlweise einem oder zwei Augen penetriert zu werden, denn parallel zum Filmstart startet gleichzeitig eine Werbe- und Marketingoffensive.
Das ist zwar inzwischen eine beliebte Methode um Lizenzen zu vergolden, aber so intensiv wie für die Minions ist schon lange nicht mehr geworben worden.
Und es funktioniert: scheinbar kann sich jeder mit seinen Sympathiewerten auf das einfache Design der kleinen geschickten wie ungeschickten Kerle ausrichten.
Nimmt man aber die grassierende „Die-sind-ja-so-süüüüß“-Blockade vieler Beteiligter aus der Gleichung, muss der Film, auf dem man das alles aufgebaut hat, allein für sich bestehen. Und da fällt das Ergebnis, bei allem Amüsement ein bißchen ernüchternder aus.
Zunächst einmal: „Minions“ ist lustig. Amüsant. Drollig. Auf jeden Fall.
Vorzugsweise, wenn man irgendwo zwischen vier und zwölf Jahren alt ist. Oder eben in die „Süß“-Kategorie fällt, was offenbar stark junge Frauen und junge Mütter auf gut ausgepegeltem Hugo-Level betrifft.
Das ist alles schön, aber beide Gruppen bewerten Filme hauptsächlich so, wie Beatles-Fans ihre Heroen in den 60ern: man hat sie gesehen, aber nicht gehört, weil man die ganze Zeit gekreischt hat, aber wichtig war eh nur, dass man sie gesehen hat.
So funktioniert im Wesentlichen auch „Minions“.
Das Hauptproblem ist immer das Gleiche, wenn man Sidekicks aus einem anderen Film zum Star macht.
Plötzlich müssen niedliche, meistens überschaubar charakterisierte Figuren, die für jede Menge kurzzeitige Jokes zuständig sind, einen ganzen Film tragen. Einen abendfüllenden Film mit Handlung, Anfang und Ende.
Der sollte dann möglichst kein Abziehbild ihrer bisherigen Auftritte sein.
Und man sollte mehr als bisher vom Publikumsliebling sehen können.
Aber: „Minions“ erfüllt die Anforderungen und hadert dann gerade mit diesen Anforderungen.
Erstens: der Film ist praktisch ein genaues Abziehbild von „Despicable Me“. Nur eben ohne den Hauptbösewicht „Gru“, den man aber eh schon nach Szene 1 lieb gewonnen hatte. Und ohne die Waisenkinder.
Stattdessen erfährt man mehr über die Herkunft der Minions; ihr Zug durch die Geschichte; ihr Bestreben, immer dem größten und schlimmsten Bösewicht zu folgen. Und natürlich geht es auch immer um ihre Tollpatschigkeit, immer zum Verhängnis eben dieser Bösewichter zu werden.
Das funktioniert als Eingangsmontage mit vielen lustigen Ideen sehr gut, wenn auch nur mit der Hilfskrücke eines Off-Kommentars, denn das Dilemma des Wildwuchs-Esperantos, das die Minions sprechen, ist natürlich geblieben.
Aber das hier ist kein Kinovorfilm, also muss ein richtiger Handlungsstrang her, der besagt, das ohne einen Anführer die Minions in eine kreative Lethargie verfallen. Und daß natürlich drei Helden den gesunden Status Quo wieder herstellen müssen.
Zwecks dieser Helden muss man der gelben wimmelnden Masse anhand von drei Minion-Beispielen plötzlich invidiuelle Charaktere einhauchen, an den sich Kinder wie Erwachsene „festhalten“ können.
Gehalten wird dieser Entwurf betont einfach: Kevin ist der Anführer und „Erwachsene“, Stuart ist der „teenage rebel“ mit der Gitarre und „Bob“ ist jung und naiv. Man könnte „Bob“ auch als Minons-Amalgam aus „Mr.Bean“ und einem neugierigen Hündchen sehen, denn die Änhlichkeiten sind frappierend.
Faseln die Protagonisten also unverständliches Zeugs, müssen die Bilder herhalten, die wieder mal von erlesener Qualität sind. Dazu gibt es dann jede Menge menschlicher Nebenfiguren, die den Plot am Laufen halten: zunächst eine Familie, die die Minions mitnimmt, später die Erzschurkin Scarlett Overkill und ihr Galan Herb.
Das führt dann zum nächsten Problem!
Zweitens: In Wirklichkeit trägt niemand den Film!
Stuart, Kevin und Bob sind zu simpel gehalten, um mit mehr, als mit dem üblichen Hype-Faktor zu punkten, außer man ist eben noch sehr jung. Und Superschurkin Scarlett hat leider das gleiche Problem.
Hinter der finsteren Mit- bzw. Gegenspielerin wird nach kurzer Zeit eine vollkommen überdrehte Göre mit Prinzessinnen-Komplex, die sonst keinen Charakterzug hat. Und ihr Mann Herb, der hier auch noch den Erfinderplatz ausfüllt, ist dem Mod-Geist der Swinging Sixties unterworfen, an dem sich die Animatoren ausgetobt haben, da der Film 1968 in London spielt.
Allein: sämtliche popkulturellen Anspielungen sind so schon ganz schön angejahrt, werden den Kindern total und diversen nicht umfassend informierten Erwachsenen ebenfalls entgehen.
Dieses Loch will man mit aufwändigen Verfolgungsjagden mit Pferdekutsche und Tower-Einbruch stopfen, mit Stampeden von grotesken Schurken-Helfer-Anwärtern und einer finalen Godzilla-Parodie, aber wirklich lustig ist eigentlich nichts von alledem.
Damit fehlt dem Film eine entscheidende Zutat…
Drittens: „Minions“ hat ein wenig „Herz“, aber leider keine „Seele“.
Natürlich ist der Film bei allem Hype „fürs Herz“, aber ein wirkliches Herz kommt dabei nicht rum. Dafür hakt der Film zu mechanisch bekannte Plot- und Charakterschemata ab, bedient sich den bekannten Abfolgen aus den „Despicable Me“-Filmen und beutet sich wie für eine B-Variante aus.
Wäre der Hype nicht, wäre der Film perfekt als Direct-to-DVD-Material für die Abrundung zur Franchise. Das unvermeidliche Prequel zur Serie.
Besonders viel „Seele“ findet man auch nicht, denn durch die simplifizierten Figuren fehlt ein emotionales Zentrum wie Gru oder die Kinder, die die Bindung des Publikums zu den Figuren befeuern.
Dennoch kommt der Film natürlich genau zur richtigen Zeit, um den Hype finanziell auszubeuten.
Und er ist auch ganz lustig, wie ein Produkt, auf das sich irgendwie alle einigen können und das niemanden verärgert.
Aber er inspiriert auch nicht, in keiner Szene; er bietet keine Innovation und nur wenig wirklichen Einfallsreichtum für Interessierte. Da frühstückt „Minions“ Kinder, Jugendliche und Eltern einfach nur ab, wie ein Schnellrestaurant, bei dem man den Qualitätslevel schon vorher kennt. Es ist schon schade, dass der logische Mega-Erfolg somit beim durchschnittlichsten Film der Franchise kommt.
Für Kinder ist er natürlich der Knaller und Leute, die „einfach nur die Minions sehen wollen“, sind sowieso nicht sonderlich qualitätsaffin oder verzeihen Mängel recht schnell.
Wer sich von so groß budgetierter moderner Animation jedoch ein bißchen Feenstaub, Zauber und sprühenen Witz erwartet, Ideen und frischen Wind, der ist hier leider, bei allem ordentlichen Amüsement, falsch – „Minions“ ist hübsch gemachte Stangenware.
Oder, um noch mal zur Pillen-Analogie vom Anfang zurück zu kommen: er ist ein Placebo. (6/10)