Review

Finn Wilke lebt als 16-jähriger Gymnasiast bei seinem alleinerziehenden Vater, der sich liebevoll fürsorgend um ihn kümmert. Die Mutter ist vor zwei Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Noch vor ihrem Tod hat sie für Finn ein Jahr Auslandsaufenthalt in Kalifornien arrangiert, den der Junge nun antritt.

Als Tobias seinen Sohn zum Ende dieses Jahres wieder vom Flughafen abholt, traut er seinen Augen nicht: Finn steht mit langem, gewelltem Haar in Rock und Bluse vor ihm - ein Mädchen. Er/sie will jetzt "Helen" genannt werden, und nein: das ist keine vorübergehende "Phase", als die der konsternierte, von der Situation überforderte Vater die Sache zunächst abtun will. Es ist ihm/ihr im wahrsten Sinn des Wortes todernst damit.

Der Film ist sehr empathisch und emotional gedreht, er reißt den Zuschauer mit ins Geschehen. Jannik Schümann überzeugt mit jungmädchenhaftem Charme ebenso wie als sensibler Junge; auch in der weiblichen Rolle wirkt er kein bißchen peinlich, sondern sogar ausgesprochen attraktiv, man identifiziert sich als Zuschauer sofort und gerne mit "Helen". Und Heino Ferch spielt die fassungslose Verzweiflung des Vaters, der seine anfängliche Ablehnung nur mit größter Mühe allmählich überwinden kann, äußerst authentisch: der exzellenten Schauspielkunst beider Darsteller ist es zu verdanken, dass man als Zuschauer beide, sich widersprechende Standpunkte schon von Anfang an sehr gut nachvollziehen kann.

Im weiteren Verlauf stellt der Film exemplarisch all die Verwicklungen, Komplikationen, Verwerfungen und Anfeindungen dar, mit denen Mann-zu-Frau-Transsexuelle auf ihrem Weg typischerweise konfrontiert werden, ebenso wie die eigene Unsicherheit auf dem langen Weg zu sich selber. Wie jemand auf die Idee kam, diesen Film neben der Kategorie "Drama" auch als "Komödie" einzuordnen, bleibt mir daher unverständlich: bei aller gestalterischen Poesie ist dieser Film doch gerade wegen seines Realismus in diesen Dingen äußerst brutal und nichts für zarte Gemüter. Wirklich zu lachen gibt es da trotz mancher, unterschwellig eingewobener Komik kaum etwas, dazu sind die gezeigten Abgründe einfach zu tief. Man wagt selbst angesichts des Happy End kaum wirklich aufzuatmen, es bleibt auch danach noch ein flaues Gefühl im Magen.

Das ist der große Schwachpunkt dieses Films, der mich trotz und gerade wegen des im Ansatz sehr kenntnisreichen, im Detail realistischen Drehbuchs und der glänzenden Leistungen von Regie und Darstellern von einer besseren Bewertung abgehalten hat: er übertreibt. Das sage ich als zum Zeitpunkt dieser Rezension 72-jähriger Transsexueller, der selbst vieles von dem Gezeigten erleben mußte und auch selbst davon einmal bis nahe an den Suizid getrieben wurde: SO schlimm, wie in diesem Film dargestellt, ist es nicht! Wohl jeder Transexuelle hat die eine oder andere von diesen leider durchaus realistischen Situationen erlebt - aber keiner ALLE wie Finn/Hellen in diesem Film. Andererseits traf ich selbst schon in den noch viel intoleranteren 80er Jahren, in denen ich mich auf diesen Weg begab, auf deutlich mehr Verständnis und Unterstützung in meiner unmittelbaren Umgebung - und dabei hatte ich nicht das Glück, wie Finn/Helen schon mit 15 Pubertätsblocker zu kriegen und anschließend als Mädchen so glaubhaft und attraktiv zu wirken. Der Tunten-Effekt, den der Film so wohltuend ausblendet, blieb mir in der Realität leider nie erspart...

Unterm Strich dramatisiert der Film die Intoleranz unangemessen und fällt damit völlig aus der Zeit: in den 50er Jahren mag es wirklich noch so gewesen sein. Heute schreckt "Mein Sohn Helen" eher ab, anstatt jungen Transsexuellen Mut zu machen in einer Zeit, in der sich unsereins selbst mit schlechtem "Passing" doch schon sehr weitgehend unbehelligt in der Öffentlichkeit bewegen kann. Die in den letzten Jahrzehnten enorm gewachsene Toleranz der Gesellschaft uns gegenüber sollte schon auch mal dankbar gewürdigt werden, anstatt immer noch lauter über die letzten, noch verbliebenen Reste an Intoleranz zu jammern. Dass man trotz allem auch mal ungerecht angefeindet wird, gehört zum Leben, jeder kennt das - das passiert nicht nur Transsexuellen.

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