Hat jemand gesagt, "8 Mile" wäre die Lebensgeschichte Eminems auf Film gebannt?
Wurde behauptet, es handele sich um einen Rapfilm?
Hörte man, es sei eine fade Story rund um die Erlangung des "American Dream" vom Tellerwäscher zum Millionär?
Stand noch dabei, es sei bloß ein Starvehikel?
Okay, jeder kann sich seine Beweise zusammensuchen, für mich versuchen sich da einige Leute, schnell ein Etikett zusammenzuschrauben, weil Eminem weder durch besondere Manieren, noch durch Bescheidenheit, noch durch Armut auffällt, im ach so realen Leben. Klar, der braucht nicht noch mehr Geld, nur bin ich denkbar der Schlechteste für Startum in der Hiphop-Branche. Rap geht mir am Allerwertesten vorbei.
Filme von Curtis Hanson nicht.
"8 Mile" ist der nunmehr dritte hochqualitative Film Hansons in einer Reihe, nach dem Film-Noir-Meisterwerk "L.A.Confidential" und der intim-quietschigen Literaturverfilmung "Wonder Boys" und seine Qualitäten liegen in seinem Bemühem um die Abbildung (filmischen) Realismus und interne Authentizität.
Eminems Filmdebut ist definitiv weder ein Musikfilm, noch ein "Musical" und auch kein "Rocky"-Verschnitt, als der er öfters mal eingeordnet wird, weil sich da auch einer durchsetzt und gewisse Parallelen unvermeidlich scheinen. Auch "Rocky"s Stärke lag in seiner Abbildung der Lebensumstände, weniger in dem finalen Boxkampf, der kaum etwas mit der Realität zu tun hatte.
Der richtige Fachterminus wäre für mich eher "Streetdrama im Rap-Milieu" und das er trotzdem zur Unterhaltung gemacht wurde, kann man dem Film nicht vorwerfen. Dazu bemüht er sich zu sehr um die Abbildung übler Zustände, bietet dann aber erfreulicherweise keinerlei Lösungen für die bestehenden Probleme an, nicht einmal Geld.
Schön so, denn so etwas hätte man wohl auch kaum sehen wollen, wenn man seine "Credibility" bewahren will.
Der Film schildert eine komplette Woche aus dem Leben seines Helden Jimmy Smith jr., genannt "Rabbit", der ein Rapper sein will, der man anerkennt, nicht mehr. Über viel mehr hat er sich noch keine Gedanken gemacht und das ist auch in dieser Umgebung besser so. Der Film beginnt mit dem bevorstehenden Wochenende in einem Hiphop-Unterground-Club und endet am darauffolgenden Freitag mit einem Rap-Gefecht in demselben, der Kreis schließt sich also wieder.
In der Zwischenzeit schließt Jimmy mit seiner Freundin ab, zieht bei seiner Alk- und Bingosüchtigen Mutter ein, erträgt ihren ebenfalls gescheiterten Galan, kümmert sich um seine kleine Schwester, hat Geldsorgen, zieht mit seinen Freunden rum, hat Streit, legt sich an, lernt ein Mädchen kennen, hat Sex, verliert das Mädchen wieder, wird zusammengeschlagen und gewinnt Einsichten für sein weiteres Leben.
Natürlich spitzt sich das Geschehen dabei auf die abschließende Rap-Battle zu, die nach all den Rückschlägen und mißlichen Umständen den Umschwung bringen soll und die "Rabbit" dann auch mit einem klugen und eindrucksvollen Einfall gewinnt, doch dafür muß er eben sich und sein Leben akzeptieren, es sich eben nicht mehr vorwerfen lassen. Insofern funktioniert die Botschaft des Films besser als in jedem anderen Rosarotgespinst aus der Traumfabrik, denn der Held hat nur für sich ganz intim und allein etwas gewonnen, daß man nicht ins Regal stellen kann.
Die Schlußeinstellung zeigt ihn dann, wie er in einer dunklen und feuchten Ghettostraße verschwindet: er hat kein Geld, kein Studio, keine Platte, keinen Vertrag. Er hat kein Mädchen und seine Mutter wird das gewonnene Geld auch wieder verlieren. Er wird seine langweilige Arbeit machen und auf Probenraummiete sparen. Und bei alledem hat nur ein wenig Respekt gewonnen, mehr als die meisten hier haben.
Eingewoben ist das natürlich in so manches funktionelle Klischee. Seine Posse besteht aus Archetypen wie dem fetten Bräutefan, dem Malcolm-X-Verschnitt, dem weißen Hirni und dem Producerfreund, die Mutter ist ein Wrack, die Schwester still, die neue Freundin opportunistisch, der stets versprechende "Unternehmer" ein kleines Schwein und die gegnerische Rap-Gang hat ihr Image an West- oder Eastcoast gelernt. Aber das hier ist Detroit, die Mitte, die Schnittmenge aus allem, das genießbare Konglomerat und Eminem soll Vermittler zwischen den Hautfarben sein.
Bleibt nur noch zu erwähnen, daß er sich mehr als achtbar aus der Affäre zieht, sich selbst stets zurücknehmend, fast schüchtern das Spiel, nicht verängstigt, aber unsicher. Selbst in den "Battles" ist er meist zögernd, langsam auf Touren kommend, nie strahlend oder agressiv, eben wider allen Erwartungen.
Kernig wird die Sache natürlich in punkto Synchronisation. Wer es authentisch will, sieht natürlich das Original, läuft dann aber Gefahr, so gut wie gar nichts zu verstehen. Wer es verständlich will, sieht die synchronisierte Fassung, muß sich aber damit abfinden, daß sämtliche Battles mit Untertiteln verziert auf englisch daherkommen, was aber kaum zehn Prozent des Films ausmacht. Schlimmer (oder besser) ist da noch die Eindeutschung des Restes, den die coole Street Speech kann man eben nur bedingt in reinem Deutsch wiedergeben. Das wird dann nicht unbedingt schlecht, aber manchmal in seiner klaren Reinheit unfreiwillig komisch, wenn uns die "Yo, yo, yo"s und die "Motherfucker"s nur so um die Ohren fliegen. Erträglich aber trotzdem, außer für Hardcore-Fans.
Der Rest des Casts ist erfreulich unaufdringlich und spielt intensiv, so daß man einen großen Namen wie die Basinger als Mutter gar nicht gebraucht hätte, obwohl die sich um jedes Schönheitsideal spielt, für das sie einstmals stand und sich schließlich mit einem Sechs-Worte-Satz in die Geschichtsbücher sexueller "Lines" schreibt, gemeinsam mit "American Pie" und "Resident Evil".
Die Bezüge zur wahren Eminem-Person bleiben jedenfalls bestenfalls rudimentär, seine Kindheit war wohl doch einen Hauch besser als dieses Trailer-Home, die Mutter nicht ganz so schlimm und Dr.Dre finde ich auch nirgends wieder. Der American Dream bleibt, wie gesagt, vor der Tür, gerappt wird nur einzelnen Intermezzi.
Und gegen ein Starvehikel steht Eminems sichtbares Talent, das sich allerdings weniger zum Star, als vielmehr als einsetzbar in charakterstarken Rollen mit Tiefe eignet.
"8 Mile" ist ein unprätentiöse Überraschung, wesentlich mehr als man erwarten konnte, nicht zu geleckt und nicht ohne die nötigen Kanten. Die größtmögliche Annäherung von Kommerz und (künstlichem) Realismus. Mehr war nicht zu erwarten.
Wie sagt Future während der Battles: "DJ, spin that shit!" Okay Rainer, fahr ab! (8/10)