Schwere Zeiten für wahre Liebe
Ein kleines Kölner Kino, gefühlt nur weibliche Pärchen mittleren Alters - und mittendrin, ich. Das war bestimmt ein lustiges Bild - für mich aber absolut kein Problem. Ich wollte einfach einen guten Film sehen, der mit Sicherheit auch bei den Oscars abräumen wird. Tolle Schauspielerinnen, eine grandiose Wiederbelebung der 50s. Einfach eine gute Liebesgeschichte. Und ich bin stolz, dass das Publikum, welches der Film von Todd Haynes anspricht & welches sich heutzutage allgemein für diese Art anspruchsvollerer Filme interessiert, eben genau das sehen will bzw. hier bekommt: eine gute Liebesgeschichte, nicht Lesbengeschichte. Und ich finde, auch wenn natürlich noch viel zu tun ist, dass man darauf auch ruhig stolz sein kann, dass vor 50 Jahren solche Melodramen üblich waren, allerdings nur mit Mann & Frau - mittlerweile geht es um die Liebe an sich, ist es fast egal welche Geschlechter die zwei Verliebten haben. Da bin ich froh, wie sich die Gesellschaft entwickelt - wenn auch nur schleppend. Das wären die zwei Damen aus "Carol" sicher auch, die sich im winterlichen New York der 50er ineinander verlieben & fast unüberwindbaren, gesellschaftlichen Hürden gegenüber sehen. Eine recht einfache & lineare Liebesgeschichte - mit zwei Frauen als Paar, fällt mir da persönlich aber gar nicht so viel Vergleichbares ein. Die ebenfalls tollen "Blau ist eine warme Farbe" oder "Room in Rome" könnte man nennen, doch fehlt dann halt der historische Kontext, der hier im Vordergrund steht & nur von der wahren Liebe an sich überschattet wird.
"Carol" - Historienfilm, Liebesschnulze, Melodrama, wieder Blanchett, wieder nur gemacht um Oscars zu gewinnen, viel zu zäh, viel zu konstruiert, kein Film für die Masse. Alles Gedanken & Statements. Manches sind Fakten, manches stimmt, manches ist aber auch absolut unbegründet - ich persönlich fand "Carol" weitaus besser, emotionaler & wundervoller, als einen trockenen Oscar-Schinken ala "Der englische Patient". Die 50er wurden selten so zart & zeichnerisch schön wiederbelebt, die meist weiblichen Schauspieler liefern ab wie erwartet, eher noch besser. Dabei spielen sich Blanchett & Mara gegenseitig in solche Höhen, es entsteht eine elektrisierende Chemie, teilweise Erotik, dass sogar ein Megastar wie Cate vollkommen in ihrer Rolle verschwindet. Das gelingt ihr nicht immer bei mir. Lange Zeit gegensätzlich, aber Todd Haynes ist ein König des guten Geschmacks & des Melodramas, der romantischen, leicht überhöhten Liebesgeschichte. Eine Kunst, daraus Kunst zu machen & zugleich nie zu künstlich zu wirken. Das gelingt ihm hier meisterhaft. Vom sanften Licht über die detaillierten Sets, die wunderschönen Frauen, die magische Atmosphäre, die spürbare Melancholie & Traurigkeit auf Grund des brachialen Gegenwindes bis hin zu einem der gefühlvollsten Piano-Scores überhaupt - es ist nicht schwer, sich in dieser Welt zu verlieren. Egal ob man Mann oder Frau ist, schwul oder nicht, alt oder jung. Universaler als Liebe geht es nicht.
Hinten raus zieht sich der Film etwas & endet dann doch so, wie man es sich erhofft bzw. erahnt - das störte mich aber nur ein wenig. Das weder Männer noch Frauen, Heteros noch Homos, Verliebte noch Gebrochene hier schwarz oder weiß gemalt werden, gefiel mir besonders. Diese nuancierten Schattierungen wirken realistisch & grundieren den (stellenweise) Kitsch angenehm. Und wer auch nur etwas für Kitsch, große Gesten & Worte übrig hat, ist sowieso schnell im Film angekommen. Obwohl hier auch manchmal kleine Blicke mehr sagen als tausend Worte. Sogar Douglas Sirk würde hier sicherlich seinen Hut ziehen - selbst wenn es auf Grund des damals filmisch undenkbar umsetzbaren Thema nur auf Grund der exquisiten Optik & der traumwandlerischen Stimmung wäre. Der Moment des sich Verliebens, der Zustand des unbeschwerten Fliegens auf Wolke 7, die leere Extase bei gemeinsamen Höhepunkten wie auch Krisen/Trennungsschmerz - man bekommt das volle Programm. Tausend mal gesehen, tausend mal gespürt - so aber noch nie. Sicher jetzt schon eine der großen Liebesgeschichten - nicht nur des lesbischen Kinos ;)
Fazit: beeindruckende Two-Woman-Show, edel-verschneite 50er-Jahre & eine klassische Liebesgeschichte - nur eben mit 2 Frauen. Futter für die Oscars & ein wunderschöner, zeitloser Film. Etwas Geduld & Mut zum Melodrama wird aber benötigt.