Review

Eine behutsame lesbische Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen von unterschiedlicher Herkunft ist inzwischen kein großer erzählerischer Tabubruch her, insofern sollte die Resonanz für Todd Haynes‘ „Carol“ eigentlich nicht so beachtlich sein.
Aber Haynes steht schon seit „Dem Himmel so fern“ als geschickter Inszenator fragiler Beziehungsware und legitimer Epigone Douglas Sirks fest und sein Geschick mit geschlechtsunspezifischen Rollen („I’m not there, „Velvet Goldmine“) ist auch weithin bekannt – so konnte das Casting einer zweifach mit einem Oscar auszeichneten Darstellerin wie Cate Blanchett gar nicht erst schief gehen.

Tatsächlich wirkt „Carol“ bisweilen ein wenig so, als hätte man dem Projekt eigentlich nur anhand dieses Castings grünes Licht erteilt, denn durch die Besetzung von Blanchett und der ebenfalls recht angesagten Rooney Mara (die sich geschickt rar macht durch ihre Rollenauswahl) sieht der Film wie „auf Oscars und andere Awards spekulierend“ aus.
Hinzu kommt, dass es sich nicht um die nächste emotionale Autorenphantasie handelt, sondern immerhin um eine handfeste Literaturverfilmung einer Vorlage Patricia Highsmiths („The Price of Salt“ aus den frühen 50er Jahren), die so stabil strukturiert dasteht, dass Drehbuchautorin Phyllis Nagy nur Nuancen am Plot verändern musste.

Für die Darsteller war das Skript vermutlich ein Traum, zwei fast gleich stark umrissene Frauenrollen (tatsächlich scheint die Einteilung der im Film vollkommen gleichberechtigten Darstellerinnen in Haupt- und Nebenrollennominierungen ebenfalls nur auf eine größere Auszeichnungswahrscheinlichkeit hin gewählt), ein emotionales und offenes Skript, keine Berührungsängste.
Ansonsten wirkt die Geschichte nicht zwingend innovativ, aber durchaus wichtig, wird hier die sexuelle Orientierung im zeitgeschichtlichen Kontext (Homosexualität steht anno 1953 noch unter Strafe) niemals in Frage gestellt, was durchaus angenehm ist. Normalerweise werden Beteiligten in diesem Kolorit zumeist unterdrückt oder gezwungen, sich und ihre Sexualität zu verleugnen, um sich den gesellschaftlichen Normen wieder annähern zu können und nicht vollkommen zum Außenseiter zu werden.
Highsmith ächtet jedoch niemals, sondern gönnt ihren Figuren sogar beinahe so etwas wie ein Happy-End, allerdings eben unter der Einschränkung, dass man 1953 eben nicht alles haben konnte: einen Ex-Mann, seine Kinder und eine oder mehrere Geliebte.

Haynes größte Hypothek ist es, den Film von Blanchetts Seite so poliert und leicht pomadig zu inszenieren, dass man sich wie in einer „Mad Men“- oder „Masters of Sex“-Episode wähnt, nur eben ohne den trockenen Witz. Stattdessen widmet der Regisseur seine Bildern der Tragik des Geschehens und den großen Gefühlen, was aber nicht vollständig funktioniert, da der Affäre auf der Leinwand leider die Leidenschaftlichkeit weitestgehend abgeht.

Das liegt nicht an Blanchetts ‚Carol‘, die, beschränkt durch die gesellschaftlichen Konventionen im Rahmen ihrer Möglichkeiten gefühlsmäßig als autarker Freigeist auftritt, bis ihr Mann die – wie sie ihm erscheint – Demütigung zuviel wird und ihren Status bedroht. Sexuelle Erfüllung muss da nicht mehr entdeckt werden, Carol hat sich längst entschieden, die Ehe steht von Szene 1 an offen vor einer Scheidung, allein die Tochter hält die Eheleute zusammen.
Nein, es mangelt an Leidenschaft, da Maras ‚Therese‘ noch unter emotionaler und sexueller Unentschiedenheit leidet und das betrifft Karriere und Beziehungen gleichermaßen. Sich zu seinen Talenten, Vorlieben und Leidenschaften zu bekennen, dauert den ganzen Film, während Mara sich nicht nur durch eine fremde (reiche) Welt tastet, sondern auch mittels der Affäre sich selbst innerlich frei schwimmt. Das rettet nicht nur das ungleiche Verhältnis der Frauen, es macht den Werdensprozess Thereses auch wirklich realistisch – in einer Zeit, in der Karriere von Frauen eher ungewöhnlich war.

Hier wie da trägt Haynes etwas zu dick auf, wabert die Schicksalsmusik geigenschwer zu lange, darf man in endlosen Einstellungen Therese und ihrer Verwirrung beiwohnen, kaum erkennbar durch naß geregnete Autofenster. Aber der dramatische Bogen - sehr intim, dennoch weitreichend – hält dem stand und ermöglicht es dem Publikum, sich in das Dilemma der Figuren einzufühlen.

So wird „Carol“ auch niemals dem „Skandalösen“ geopfert und bemüht sich gar nicht erst um besondere Schauwerte, die einzige Nackt-/Bettszene gefällt durch ausgeprägte und unverkrampfte Natürlichkeit und steht nicht gesondert heraus, sondern wirkt wie der Abschluss einer natürlichen Entwicklung.

Erst gegen Ende muss der Film auf erzählerisch bekannte Kniffe (wenn auch nicht ganz typische Klischees) zurückgreifen, werden die Figuren dem typischen Melodrama zugeführt und zeigen erwartbare, aber nicht „eigene“ Reaktionen, wenn Carol ausschließlich um ihre Familie kämpft und Therese sich zurückgesetzt und vergessen fühlt; das ist fast schon Grobschnitt, wenn man bedenkt, wie zart der Film bis dahin inszeniert war.
Leider macht das den Plot nicht dynamischer, plötzlich wird „Carol“ auf den letzten Metern zäher und zäher, obwohl mehr passiert als zuvor – es wirkt nur stärker konstruiert.

Ein schöner, behutsamer Film, dem man neben der großen Kunst der Darsteller und dem außerordentlichen Geschick der Beteiligten leider ein wenig die Absicht der Finanziers anmerkt – ein eh fragiles Spiel, bei dem die eine Darstellerin schon zwei Statuetten in der Tasche hat (und daher verminderte Chancen) und die Andere ihrer Rolle wegen als staunende Projektionsfläche und noch zu „bemalende“ Leinwand eher jungfräulich verbleibt. (7,5/10)

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