The Lobster
"Seine Zimmer Nummer war die 101..."
Ich bin ja ein großer Fan von Astrologie, selbst ernannten Shamanen, Wundersalben, heilenden Duftkerzen, Heilpraktiken oder Selbstfindungsgeseire. Ich liebe Unterhaltungen über Sternzeichen, 08/15 Postkartenfloskeln und spirituelles Blablablub. Ja, da werde ich in den richtigen Fügungen zum total eigenartigen Zyniker, vergesse manchmal allen Anstand und fahre äußerst häufig gegen die Wände des guten Geschmacks. Aber im Nachhinein freue ich mich oft über die stumpfen Mimiken im Angesicht brüllender Komik auf Kosten anderer oder meines eigenen Konterfrei. Da ich mich selbst gerne für ironische Angriffe und passendes Gelächter hergebe, stört mich das tief in meinem Inneren nicht zu oft.
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Vor ein paar Tage schaute ich eine mittelprächtige Dokumentation über Fleischverarbeitung. Diese sehr reißerische Doku zeichnete ein überaus direktes Bild vom Ableben der Tiere, deren Verarbeitung und den anschließenden Weg in unsere Bäuche. Unter anderem war da auch ein Laufband mit unzähligen Kücken.
Einen Tag später saß ich beim Mittagstisch in meinem Unternehmen, las die neuste Ausgabe einer hiesigen Lokalzeitung und aß einen guten Teller Nudeln mit Tomatensoße und Schinken. Einen Tisch weiter saßen ein paar Damen, die etwas älter waren als meine Wenigkeit und betrauerten den Tod eines Verwandten. Ein heikles Thema - gerade für mich. Ich lauschte den lieben Worten jener weiblichen Kollegen und beschloss lieber nichts zu sagen. Mittendrin sagte die Betroffene, dass jener verstorbene wie liebevoller Verwandte immer den Wunsch hatte, in seinem nächsten Leben als anmutiger Vogel umher zu flattern.
Würg! Spuck! Hust! Nach diesem Satz war die Hälfte meines Tisches voll mit Nudeln und ich sah aus, wie ein Zweijähriger ohne Latz in seinem Babystuhl. Zum Unmut aller begann ich auch noch zu feixen, zu kichern und konnte leider nicht aufhören zu kleckern. Nach einigen Momenten beruhigte ich mich wieder, wischte mit meinem Schal den Mund ab und die Damen fragten mit steinerner Mime nach, was denn daran so lustig sei...
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"Ich denke doch Sie wissen, dass Masturbation auf den Zimmern nicht erlaubt ist..."
In diesem Film von Gioros Lanthimos(der auch schon der sehr grotesken Dogtooth schuf) wird nicht viel gelacht. Ich glaube sogar, das in den zwei Stunden keiner gelacht hat. Die Szenerie ist eine schiefe, ein unwirtliche, eine finstere und sehr merkwürdige. Ich fühlte mich die ganze Zeit in eine Art Parallelwelt zugegen, die das Lieben verlernt hat. Also in einer Art unterbewussten Traum ohne Emotionen. Die Inhaltsangabe dieses wundervollen Werkes ließt sich schon dermaßen beknackt und verliebt, dass es nur ein Triumph werden konnte.
Colin Farrell mit Schnurrbart in "The Lobster", Ryan Gosling mit Schnurrbart in "Lars und die Frauen" oder der ehr unbekannte Jack Plotnick mit Schnauzer in dem fabelhaften "Wrong". All diese Filme sind nicht nur stolze und stoische Träger des edelsten aller Männerbärte, sondern halten auch eine sensible Tragik, eine verquerte Wunschvorstellung und ein sehr tiefes Verlangen nach Liebe und Bindung aufrecht, die sich nicht jedem erschließen mag oder einfach für doof befinden könnte. Introvertiert, nach Aufmerksamkeit schweigend und unterlegt mit aufrechten Momenten der stillen Sehnsucht.
"Sie haben trockenes Haar...Hauptsache Sie haben keine Glatze..."
The Lobster ist - und das kann ich für mich selbst gar nicht genug betonen - ein sehr wirrer und geistreicher Spiegel unserer Gesellschaft. Regeln, Abgrenzungen und Style. Persönliche Note oder haltloser Stichpunkt? Alles verpackt in die wohl schrägste Märchenlandschaft, die man sich filmisch ausmahlen kann. Man kann in diesen äußerst seltsamen Film sicher vieles hineininterpretieren - vielleicht ist das auch alles Schwachsinn -, aber die schwärzende Färbung des Drehbuches, all die großartigen Monologe, die völlig desolaten Dialoge und die vielen völlig unpassenden Situationen generieren trotz der ausufernden Laufzeit einen höchst faszinierenden Sog. Dank der vielen wirklich großartigen Darsteller und der einnehmenden wie grandiosen Musik(erinnert ein wenig an die There Will Be Blood Kollagen von Jonny Greenwood ) fühlte ich mich so weit unterhalten, dass ich ihn sofort nochmal sehen könnte und wieder und wieder würden mir Details ins Auge springen. Ein Geniestreich.
"Ich möchte den Film Stand by me sehen...allein..."
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Als ich mich beim Mittagessen wieder beruhigte und meine Nudeln auf dem Tisch zusammenschob, bekundete ich erst den bedauerlichen Verlust dieses Verwandten und erklärte dann - vielleicht etwas zu spontan -, dass ich eben jene Doku sah und mir nun vorstellte, dass dieser männliche Verwandte als anmutiges , männliches Kücken schlüpfte und auf dem Laufband zwei mal flatterte, drei mal quietschte - jene Doku war da sehr graphisch - und dann eben in einen Schredder flog. Männliche Kücken werden(oder wurden - die Doku war schon älter) ja in Mengen "aussortiert" und das brachte mich eben zu diesem unglücklich gesetzten Lachanfall. Und die Gesichter steinerten weiter. Ein sehr unangenehme und kurze Mittagspause.
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"Es ist wundervoll allein zu sein...niemand setzt einem Grenzen..."
The Lobster ist ein seltsamer Film über die Liebe in all ihren verdrehten Facetten. Die Betonung liegt auf verdreht. Bis auf weiteres eine 10 mit einem wohlig geschredderten und wieder zusammengefügten Herz. Transglutaminase als heilender Schamane in den Wirren der menschlichen Emotion...10
"Und du fragst mich, ob man mir die Haare geschnitten hat?" - - - "Das hab ich nur gesagt, dass du nicht merkst, dass ich nichts sehen kann..."