kurz angerissen*
Okay, der goldene Weirdo 2016 geht dann wohl an die herzhaft-skurrile SciFi-Dystopie „The Lobster“ von „Dogtooth“-Regisseur Giorgos Lanthimos, ein hierzulande mal wieder weitgehend unentdecktes Kleinod für Freunde des Absonderlichen, das nicht nur keine Kinoauswertung erfuhr, sondern darüber hinaus hierzulande nicht einmal auf Blu-ray, sondern nur auf einer spartanisch ausgestatteten DVD veröffentlicht wurde. Man mag dies fast als Auszeichnung verstehen, denn was dermaßen konsequent vor der breiten Masse versteckt wird, muss ja fast schon von einer gewissen Grundqualität zeugen...
Der Off-Kommentar sei ja das Mittel einfallsloser Regisseure, die ihre Geschichte über die Bilder alleine nicht zu erzählen imstande sind, heißt es oft; Rachel Weisz, die erst in der zweiten Filmhälfte als Darstellerin in Erscheinung tritt, kommentiert die erste Hälfte in einer Art freudlosem Wes-Anderson-Gestus mit dermaßen trockenen Sätzen aus dem Off, dass man dahinter pure Absicht erkennen muss. So wird der offen sichtbare Inhalt eines Kleiderschranks einfach noch einmal aufgezählt, später gar ganze Sätze, die von Darstellern zuvor gesprochen wurden, erneut paraphrasiert.
Dieser so herrlich trockene Rahmen schlägt sich in der gesamten Hotelanlage nieder, die anfangs Schauplatz absurdester Minderheiten-Zurschaustellung ist und Elemente der Handlungsorte aus Andersons „Grand Budapest Hotel“ und Sorrentinos „Ewige Jugend“ miteinander verknüpft. Auch Colin Farrels niedergeschlagene Miene und sein aufgedunsener Körper sind Zeichen einer allgegenwärtigen Aura der Selbstaufgabe. Lanthimos arbeitet die mit gesellschaftlicher Akzeptanz gesegnete Perversion im restriktiven Umgang mit individuellen Lebensstilen zwar sehr metaphorisch heraus, bleibt allerdings immer relativ leicht verständlich und hält den Kontakt zu diversen Klassikern, die Liebe und Dystopie miteinander kombiniert haben. Das fiktive Element der Verwandlung in ein Tier bleibt dem Zuschauer ein Mysterium, das erwartungsgemäß nur im Off stattfindet und somit ebenso gut suggestive Masseneinbildung sein könnte; die Charaktere begegnen dieser Aussicht, die der Regisseur einer Art „kleinem Tod“ oder eben einer massiven Behinderung menschlicher Freiheiten gleichsetzt, mit einem Hauch Neugier und vor allem endloser Untröstlichkeit, die sich im Film aber oft in obskuren Humor übersetzt, wenn plötzlich allerhand exotische Tiere wie Pfauen und Flamingos als Hintergrund-Gag durch für sie ungewohntes Wald-Terrain stapfen.
In der zweiten, von einem Rebellen-Subplot dominierten Hälfte wird auf eine Verdichtung der Liebesgeschichte gedrängt und damit in Kauf genommen, dass die bis dahin so scharfe Beobachtungsgabe verloren geht. Allerdings gelingt es dem Regisseur immer wieder, in einzelnen Sequenzen die Brillanz des Einstiegs zu reaktivieren und auch beim unkonventionellen Ende ist von Verbiegung nichts zu spüren.
Filme wie „The Lobster“ hat es sicher öfter mal gegeben, ein Unikat ist er also nicht zwangsläufig; einer der stärkeren Filme des vergangenen Jahres ist es dennoch, der hier mal wieder unter Radar fliegt.
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