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Eine Frau, ein junges Mädchen und ein Mann (der titelgebende Dheepan), die alle ihre Angehörigen in den Kriegswirren in Sri Lanka verloren haben, geben sich als Familie aus, um der ausweglosen Situation in ihrer Heimat entkommen zu können. Entgegen den Vorstellungen der Frau landen die drei aber nicht bei einer Verwandten in England, sondern in einem tristen Wohnblock in der Pariser Banlieue. Allerdings kommen sie - trotz dubioser Nachbarschaft - mit dem Schlimmsten davon. Der Mann findet Arbeit als Hausmeister, die Frau versorgt - recht gut bezahlt - einen gebrechlichen Alten, das Mädchen besucht eine Schule, auch wenn die Integration schwer fällt.

Doch dann taucht der Sohn des Alten auf, versehen mit einer elektronischen Fußfessel. Er ist in das lokale Drogenmilieu verstrickt. Schließlich gerät auch Dheepan zwischen die Fronten der Dealer, was zu einem finalen Gewaltausbruch führt ... aber dazu später.

Jacques Audiard hatte mit DER WILDE SCHLAG MEINES HERZENS, EIN PROPHET und DER GESCHMACK VON ROST UND KNOCHEN hervorragende Filme abgeliefert. Dass er nun ausgerechnet für den drögen DHEEPAN die Goldene Palme in Cannes erhielt, wirft ein bezeichnendes Licht auf das Gebaren bei renommierten Festivals. Hier geht es nicht um Originalität, visuell-ästhetische Finesse, inszenatorische Brillanz etc. Prämiert wird dagegen, wer das "richtige" Thema politisch korrekt anpackt. So auch hier, denn es geht um Flüchtlinge. Audiard zeigt vor allem deren Alltag. Wir sehen die Protagonisten schlafen, essen, putzen, arbeiten. Aber das ist zu wenig für einen Spielfilm und aufgrund der Laufzeit von fast 2 Stunden geradezu enervierend.

Erst der zitierte Gewaltausbruch reißt einen als Zuschauer - viel zu spät - aus der Lethargie. Und was schreibt epd-Autor Patrick Seyboth dazu:

"In mehrfacher Hinsicht verstörend ist das "Finale", in das der Film mündet. Verstörend durch seine orgiastische Gewalt, vielmehr aber noch, da es der Geschichte nicht nur nichts hinzufügt, sondern ihr einen Teil ihrer Kraft wieder entzieht. Die subtile Spannung, die Vielschichtigkeit der Beobachtung - hinweggefegt in einem kolportagehaften, brachialen "Rambo"-Handstreich, als habe Audiard den Drang empfunden, zum Schluss noch einmal ganz unmissverständlich auf seine künstlerisache Radikalität hinzuweisen. So drückt seine Konklusion vor allem eines aus: Eitelkeit."

Na, wer hier wohl eitel ist .... Dieses Beispiel zeigt einmal mehr, in welch desaströsem Zustand sich die bildungsbürgerliche Filmkritik befindet.

Wenn etwas an DHEEPAN ärgerlich ist, dann das eigentliche Ende: Wir sehen die drei zufrieden als echte Familie vereint auf einem Familientreffen in England. Was wohl zeigen soll, dass selbst unter extremen Umständen zwischen Unbekannten wahre Liebe entstehen kann. Das ist so kitschig und schlicht, dass es geradezu ergreifend ist ... leider nicht im positiven Sinne.

Drum, Monsieur Audiard, hinfort mit der güldenen Palme, hier gibt es von mir rostige (!)

4/10

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