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Die Hoffnung stirbt zuerst

Kriegsfilme gibt es viele, durchaus auch ein paar schlechte. Holocaust-Filme gibt es auch einige, das Thema ist meist aber so brisant & menschlich zerstörend, dass sich jeder Macher viel Mühe gibt & es davon tatsächlich kaum schlechte gibt. Natürlich hat man aber auch in diese Richtung schon viel gesehen, von Hollywood-Meisterwerken wie "Schindlers Liste" oder "Der Junge im gestreiften Pyjama" bis zur existenziellen 10-Stunden-Doko "Shoah". Und trotz des jedes Mal tiefsitzenden Schocks, trotz der Vielfalt der Herangehensweisen, trotz der 70 ins Land gezogenen Jahre - einen Film wie "Son of Saul" hat man noch nicht gesehen. Als packende Mischung aus "Victoria" & "Children of Men", nur eben in einer Vorhölle namens Ausschwitz spielend, hat der Film seinen Auslandsoscar definitiv verdient & gehört zum Wichtigsten, was dieses Jahr über die Leinwand flimmert. In Sachen Kamera oder Ausstattung kann man sogar argumentieren, dass er vielleicht sogar noch ein paar weitere Nominierungen verdient gehabt hätte.

Dieses ungarische Deppressiva erzählt die Geschichte von Saul, der in einem Sonderkommando den Nazis helfen muss, Juden umzubringen. Er führt diese in Gaskammern, hält Türen zu während innen elendig gestorben wird, schaufelt ihre Menschenasche in Flüsse. Er arbeitet unmenschlich hart, in einer Welt, in der es eh keine Menschlichkeit mehr zu geben scheint. Als er dann einen kleinen Jungen zwischen den Leichenbergen entdeckt, scheint seine einzige Aufgabe unter den Totgeweihten zu sein, diesem Jungen ein "anständiges" jüdisches Begräbnis zu beschaffen - samt Rabbi, koste es was es wolle, diesen zu beschaffen. Auch wenn im Film angedeutet wird, warum diese Aufgabe so wichtig für Saul ist (aber mit Zweifeln behaftet), konnte ich lange Zeit nicht verstehen, was er alles für Mühen & Risiken auf sich (& seine Mitgefangenen) nimmt, nur um einen Toten zu ehren. Aber mit der Zeit & vor allem jetzt wo man den Film langsam verarbeitet, wird einem immer klarer, warum so ein minimaler Hoffnungsschimmer, eine doch sinnvolle Aufgabe, nicht aufgegeben werden durfte. Mal ganz abgesehen davon, dass dies wohl das Einzige war, was unseren Protagonisten am leben hielt. 

Zum Glück kann man sich 2 Generationen danach, den Holocaust nicht vorstellen, ihn kaum nachvollziehen oder spüren, will man auch gar nicht - aber so schmerzhaft, direkt & barbarisch wie hier, kam man ihm selten, in einem Spielfilm wohl nie. Keine Hoffnung, kein Licht, kein Lachen, kein Ausweg. Nur Tod, Feuer, Schmerzen. Grauer, trauriger & deprimierender kann ein Film kaum sein. Man fühlt sich mittendrin statt nur dabei, was vor allem der genialen & außergewöhnlichen Kameraarbeit zu verdanken ist - wackelig, nah, intuitiv. Das Gänsehaut erzeugende Problem ist halt nur, dass man an diesem achten Tor der Hölle gar nicht so nahe dran sein will. Und der inszenatorische Trick, viel Grausames knapp neben der Kamera oder nur verschwommen im Hintergrund zu zeigen & somit direkt in die Fantasie des Zuschauers zu heben, funktioniert erschreckend gut. Wenn über Tote als "Es" oder "Stück" gesprochen wird, nackte Leichen kurz durch das Bild gezogen werden oder ein zermürbender Klangteppich aus Schreien, Schüssen & Gebeten auf einen einprasselt, dann würde man am liebsten direkt nach dem Kino duschen. Nicht nur weil Kulissen & Kleidung so dreckig sind, sondern weil dieses traurigste & düsterste Kapitel der Menschheitsgeschichte so dreckig & niederschmetternd ist. Da schämt man sich nicht Deutscher zu sein, da schämt man sich gleich Mensch zu sein. Unser Protagonist Saul wird bockstark von Geza Röhrig verkörpert & ist schon zu Beginn des Films ein verlorener Geist. Ohne Würde, ohne Hoffnung, ohne Mut. Seine Odyssee in ein unvermeidbares & sofort erwartbares Ende, setzt dem Ganzen einfach nur noch eine Dornenkrone auf. Horrorkino, wie es intimer & treffender kaum sein könnte, hinterlässt einen sprachlos & leer. Alpträume in den kommenden Tagen nicht ausgeschlossen.

Fazit: so nah war man noch nie am Holocaust... einer der eindringlichsten Kriegsfilme aller Zeiten, menschliches Schock-/Pflichtprogramm & den Glauben an die Menschheit kräftig durchrüttelnd. Phasenweise zäh & schwer zu schlucken, das aber meist vollkommen mit ausweglosester Absicht.

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