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„Eine Pistole! Ein Leben für eine Pistole!“

Die italienisch-spanische Koproduktion „Eine Pistole für Ringo“ ist nicht irgendein Italo-Western, sondern die erste Regie-Arbeit in diesem Bereich des Regisseurs Duccio Tessari („Tödlicher Hass“), der zuvor bereits am Drehbuch von Sergio Leones „Für eine Handvoll Dollar“ mitschrieb und diesen Film, der Giuliano Gemma („Der Tod ritt Dienstags“) als Genrestar etablierte (damals noch unter seinem Pseudonym Montgomery Wood), nur ein Jahr später, also 1965, veröffentlichte.

Im US-amerikanisch-mexikanischen Grenzgebiet wird der „Engelsgesicht“ genannte Meisterschütze Ringo wieder einmal verhaftet. Er soll wegen Mordes angeklagt werden, doch er beteuert, dass es Notwehr gewesen sei – wie üblich. Als jedoch eine brutale mexikanische Bande die Bank ausraubt und sich auf der Flucht auf der Ranch Major Clydes (Antonio Casas, „The Good, the Bad and the Ugly“) verschanzt, den sie mitsamt seiner Tochter und aller Bauern als Geiseln nehmen, lässt der Sheriff (George Martin, „Lanky Fellow - Der einsame Rächer“) das Gebiet umzingeln und hat nun die Wahl, tatenlos zuzusehen, wie Gangsterboss Sancho (Fernando Sancho, „Die Rückkehr der reitenden Leichen“) eine Geisel nach der anderen kaltblütig umbringt oder auf die Nationalgarde zu warten, die blindlings alles – egal, ob Freund oder Feind – über den Haufen schießen würde, nur um das geraubte Geld zurückzubekommen. Schließlich bittet er Ringo die Freiheit und 30% der Beute an, wenn er sich erfolgreich bei den Gangstern einschleicht und die Geiseln befreit. Seine Pistole bekommt Ringo jedoch nicht wieder...

Am Genre-Frühwerk „Eine Pistole für Ringo“ merkt man, dass die Genrecharakteristika im Jahre 1965 noch nicht so festgezurrt und auf schweigsame, abgeklärte, dreckige Kopfgeldjäger oder Rächer fokussiert waren. Tessari macht sich einen großen Spaß daraus, klassische US-Western-Elemente aufzugreifen, mit ihnen zu spielen, sie ins Gegenteil zu verkehren oder ironisch mit ihnen zu brechen. Gleichzeitig macht Tessari deutlich, dass wenig heldenhaft der schnöde Mammon an erster Stelle steht, jeder sich selbst der Nächste und ein Menschenleben nicht viel Wert ist. Der ehemalige Stuntman und „italienische Burt Lancaster“ Giuliano Gemma spielt mit viel Athletik seine Rolle als Ringo, der es spitzbübisch faustdick hinter den Ohren hat. Berüchtigt als schneller Schütze hat er bereits viele Kerben auf seinem Revolver, konnte jedoch immer wieder auf Notwehr plädieren und ungeschoren davonkommen. Gemmas gepflegtes Äußeres versucht man gar nicht erst, durch Staub, Schweiß und Dreck zu verdecken; er ist ein Strahlemann, glattrasiert und in sauberer Kleidung, ein supercooler, souveräner Sprücheklopfer und Revolverheld, den nichts aus der Ruhe bringt – womit er sicherlich Pate stand für spätere Genrerollen Terence Hills. Intelligent und verschlagen nimmt er gerne Herausforderungen an, wenn für ihn ordentlich etwas dabei herausspringt. Ähnlich wie Clint Eastwood als namenloser Fremder in „Für eine Handvoll Dollar“ spielt er ein doppeltes Spiel, indem er sich das Vertrauen von Sancho und dessen Bande erschleicht, um am Ende als lachender Gewinner dazustehen.

Sein Gegenspieler Sancho ist ein fieser Mexikaner, wie er im Bilderbuch steht. Mit überdimensionalem Sombrero, Schnauzbart, Hinterlist, ständigem Misstrauen und ohne jedes Gewissen hat er stets den Finger am Abzug und fackelt nicht lange, einen nach dem anderen kaltblütig und sadistisch über die Klinge springen zu lassen – egal ob Freund oder Feind: „Du Bursche redest mir zu schlau, um länger zu mir zu gehören!“ Der Sheriff ist ein Saubermann und typischer US-Western-Verschnitt, dem allerdings in vielerlei Hinsicht die Hände gebunden sind. Obwohl der Film zur Weihnachtszeit spielt und voller Anspielungen auf das christliche Weihnachtsmärchen steckt, gibt es bereits nach 15 Minuten unheimlich viele Tote zu beklagen, jagt den gesamten Film über eine Erschießung die nächste. Dem gegenüber stehen scharfzüngige Dialoge mit viel Humor, eine komische Nebenrolle in Form des Sheriffgehilfen und die bereits angesprochene Ironie. Wenn formelhaft Law-and-Order-Politik vertreten und die Macht des Colts beschworen wird, weiß man nie, wie ernst oder aber überspitzt-karikierend das gemeint ist, eine Art „Running Gag“ ist das Pochen des käuflichen Ringos auf seine Prinzipien: „Es ist eine Frage des Prinzips!“

Die zunächst so klischeehaft wirkenden Nebenrollen entwickeln im Laufe der Handlung zahlreiche unvorhergesehene Wendungen, die die ursprüngliche Ordnung nicht nur durch den Banditenüberfall zerrütten: Da bändelt der saubere, verwitwete Rancher mit der rassigen Gangsterbraut Sanchos an, bis schließlich ein Umdenken bei ihr einsetzt. Dies wiederum geschieht zum Leidwesen der Ranchertochter, die mit dem Sheriff liiert ist, jedoch Sympathien für Ringo zu entdecken scheint. Irrungen und Wirrungen sind vorprogrammiert. Selbstverständlich gerät auch Ringo irgendwann kräftig in die Bredouille und neigt zu auf den ersten Blick nur schwer nachzuvollziehenden Entscheidungen, beispielsweise unter Folter und Todesandrohung seine Forderungen zu erhöhen. Diese hochgradig vergnügliche Unvorhersehbarkeit bei dennoch erahnbarem finalem Ausgang ersetzt zu größeren Teilen heutzutage als klassisch verstandenen Italo-Western-Spannungsaufbau, auf den man ebenso weitestgehend verzichtete wie auf das genretypische Pathos. Für letzteres bleibt auch kaum Zeit, zu actionreich schreitet der Film voran und hat neben Schießereien auch einige tolle Choreographien zu bieten – allein schon, weil Ringo lange Zeit ohne Schießeisen auskommen muss –, für die Gemma kein Double benötigte. Obwohl sich sehr viele Szenen im inneren des Ranch-Anwesens abspielen, bekommt man dennoch herrliche, weitläufige Landschaftsaufnahmen geboten, zu denen die wunderschöne Musik Ennio Morricones erklingt.

Mit einem Übermaß an Spielfreude geht Gemma in seiner Rolle auf, während Fernando Sancho den besten Kontrast darstellt, den man sich nur vorstellen kann. Voller Inbrunst gibt dieser den mexikanischen Fiesling und scheint geboren für die Rolle. Lorella De Luca („Puppe mit Pfiff“) als Rancher-Tochter Ruby wiederum ist die grundgute, kein Wässerchen trüben könnende Reinheit vom Lande und damit das exakte Gegenteil von Sancho-Braut Dolores, gespielt von Nieves Navarro („Nackt unter Kannibalen“), bis sich die Vorzeichen ändern und die Karten neu gemischt werden. Kurzum: Dieser Streifen wurde großartig besetzt. Alles in allem ist Duccio Tessaris „Eine Pistole für Ringo“ ein hochinteressanter, früher Italo-Western, der auch heute noch als höchst unterhaltsame, ungewöhnliche Genreproduktion erscheint, wenngleich zarteren Gemütern der selbstverständliche, höchst zynische und dabei unerhört humorvolle Umgang mit dem massenhaften Ableben Unschuldiger sauer aufstoßen könnte. Ich persönlich bevorzuge letztlich dann doch die auch visuell schmutzigeren, staubigeren Genrevertreter, idealerweise in Kombination mit dem Anspruch eines Leones, Sollimas oder Corbuccis. Als willkommene Abwechslung lasse ich mir eine so tollkühne Sause wie diese aber sehr gerne schmecken und gebe in Anbetracht der übermächtigen Genrekollegen hochverdiente 7,5/10 Punkten.

P.S. Ob „Die Ärzte“ den milchtrinkenden Ringo beim Komponieren ihres Klassikers „Vollmilch“ im Hinterkopf hatten...?

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