Der große Kracher im US-Horror der 70er Jahre ist in meinen Augen sicher nicht "Der Exorzist", sondern "Das Omen". Was in letzterem Film verwirklicht wurde, Spannung und Bedrohlichkeit über die gesamte Filmlänge, herber und völlig ernster Schrecken in düsterer Intensität, muss in William Friedkins berühmtem Werk als Mangelware gelten, was nicht heißt, dass nicht auch dieser Film seine großen Momente besäße. Aber den Ruf des Streifens halte ich für überzogen.
Ein entscheidender Berühmtheitsfaktor des Films ist der große schwedische Darsteller Max von Sydow, und dort setzt auch schon mal ein Kritikpunkt an. Mit der Figur des Father Merrin, des geheimnisvollen alten Exorzisten - was für Möglichkeiten hätten sich hier geboten - wird auf stiefmütterliche Art und Weise umgegangen. Anfangs sieht man ihn in einer als feindlich dargestellten irakischen Umgebung herumlaufen und eine böse altbabylonische Dämonenfigur anstarren, ohne dass im weiteren Erläuterungen dazu gegeben werden, um was für einen Dämon es sich da jetzt eigentlich handeln soll, dann wird er für lange Zeit außer Acht gelassen, um ihn am Ende des Films hektisch und wieder ohne vernünftige Erklärungen zu seiner Person einzuführen. Routiniert rennt er das Treppenhaus herauf, um mit dem Exorzieren zu beginnen wie ein gelangweilter Installateur, der zum Reparieren eines Rohrbruchs ansetzt. Emotionslos erteilt er seinem Kollegen Damien Karras, der eigentlichen, aber sehr blassen männlichen Hauptfigur, Anweisungen. Aus dieser Figur wird leider einfach nichts herausgeholt.
Der langweilige Karras wird dagegen um so mehr in den Vordergrund gestellt, und der Tod seiner Mutter entwickelt sich zu einem dominanten Element der Handlung, ohne dass das letztlich irgendwohin führen würde. Vor allem dominiert aber die Metamorphose der kleinen Regan, dargestellt von Linda Blair, die Handlung. Und da frage ich mich, warum man dieses junge, aber charismatische Gesicht, das zur Darstellung einer Besessenen so gut passt, mit einer ekligen Schminkschicht überzieht und so die Vermittlung der Besessenheit ins Lächerliche abgleiten lässt. Ja: Der böse Dämon mit seinen markigen Sprüchen und seinen klamaukhaften Poltergeist-Aktionen ist eher ein Clown als ein böser Geist. Schon als Regan zu dem von Jack MacGowran dargestellten Regisseur sagt: "Du wirst da oben sterben" und dabei den Teppich vollpinkelt, weiß man nicht, ob das wirklich ernst gemeint sein soll.
Das setzt sich dann fort mit Elementen wie dem wackelnden Bett, dem "Spiderwalk", dem verdrehten Kopf, der grünen Kotze und ähnlichen vergnüglichen Einfällen, mit denen es der Film schafft, sich selbst zu parodieren und alle späteren Verulkungen damit eigentlich schon überflüssig macht. Das ist zumindest für mein Empfinden alles viel zu überzogen, um Grusel zu erzeugen. Das vermögen schon eher die ab und zu unversehens eingeblendeten Dämonengesichter, die in der neu bearbeiteten Fassung hinzugekommen sind. Auch die sehr kalt abgebildeten und schmerzhaft mit anzusehenden medizinischen Untersuchungen an dem kleinen Mädchen bleiben im Gedächtnis.
Was die einzige richtige und wirklich böse Härte des Films darstellt, ist die zu Recht berüchtigte Kruzifix-Szene. Hier werden in einer kleinen Sequenz gleich reihenweise Tabus gebrochen, und wenn man sich klarmacht, was da eigentlich passiert, muss man sich wirklich wundern, dass so etwas in einem Film, und noch dazu einem US-amerikanischen, gezeigt werden durfte.
"Der Exorzist" lässt sich in die an der Tradition des Genres orientierte Gruppe von Horrorfilmen einreihen, die auf der Basis christlichen Dämonenglaubens als die Böses erzeugende Kraft ein außermenschliches Element und nicht, wie eine jüngere und gesellschaftskritischere Welle des Genres, den Menschen selbst darstellen. Besessenheit und ihre christliche "Heilung" als real darzustellen und die "Läuterung" eines kritischen Priesters vom Wissenschafts- hin zum Dämonenglauben abzubilden, ist für mein Empfinden sehr fragwürdig, da die wahre Besessenheit in den Hochphasen des Exorzismus auf der Seite der exorzierenden Priester und nicht auf der Seite ihrer Opfer lag.
Aber letztlich fragt man sich, ob sich dieser Film auf dieser Ebene selbst wirklich so ernst nimmt. Sicher hat er denkwürdige Szenen und schon die vielen Parodien beweisen einen gewissen Einfluss, aber meines Ermessens steckt im Ruf dieses Werks auch viel heiße Luft.