Mit zwei Filmen erlangte William Friedkin enorme Prestige: „French Connection“ und „Der Exorzist“, die auch beide im Abstand weniger Jahre aufeinander folgten.
An sich hat der Auftakt wenig mit dem Restfilm zu tun, zeigt er doch nur Pater Merrin (Max von Sydow) bei einer Ausgrabung und doch haben diese Szenen durchaus Bewandtnis für den Film. Zum einen wird natürlich Merrin eingeführt ehe er danach für eine Weile nicht mehr auftaucht, zum anderen erweisen sich die Szenen als stimmige Einführung in das okkulte Thema, das auch erst mal eine Weile ruhen gelassen wird.
Erst anschließend sieht man Regan (Linda Blair), die Tochter der Schauspielerin Chris MacNeil (Ellen Burstyn), die seltsames Verhalten an den Tag legt. Nach Scheitern aller rationalen Erklärungen verlangt die Situation nach einem Exorzismus...
Im Zuge des 2006er Exorzismus-Films „Requiem“ wurde dieser als realistischer Ansatz immer von dem Gruselklassiker „Der Exorzist“ abgegrenzt, was nicht ganz falsch ist, aber doch einen Punkt übersieht: Auch „Der Exorzist“ verbringt eine lange Zeit mit der Ursachenforschung für Regans Verhalten. Tatsächlich sind auch einige sehr unangenehme, intensive Szenen dabei, wenn das Mädchen Schmerzen bei der Behandlung ertragen muss, wobei „Der Exorzist“ im Gegensatz zu „Requiem“ keine Ursachenforschung betreibt, sondern die Krankengeschichte zur Verstärkung des unheimlichen Effekts nutzt: Egal welche rationale Erklärung man versucht, sie versagen allesamt. Gleichzeitig lernt man auch das Umfeld von Pater Karras (Jason Miller) kennen, sowohl Arbeits- als auch Privatleben, um ihn dem Zuschauer näher zu bringen – im Gegensatz zu der fast unnahbaren Koryphäe Merrin.
Sicherlich mag die Exposition recht lang sein, weshalb sich „Der Exorzist“ auch nicht als Film für Zwischendurch eignet – man muss ihn wirklich auf sich wirken lassen. Doch in der zweiten Hälfte gelangt der Film schließlich zur weltbekannten Konfrontation Priester vs. Dämonen, natürlich inklusive der berühmten Kotzszene, der 360°-Drehung von Regans Kopf und dem Bettschweben. Alles wirklich überzeugend getrickst, auch noch mehr als 30 Jahre nach Entstehung des Films ohne große Alterungserscheinungen, doch „Der Exorzist“ verlegt sich nicht Effekte, kommt auch fast ohne Blut aus.
So ist es vor allem das von der Inszenierung getragene Duell zwischen Heiligkeit und Dämon, das für Spannung sorgt. Auf der einen Seite der tobende, mit Obszönitäten um sich werfende Dämon im Mädchenkörper, auf der anderen Seite die geschockten Geistlichen, die aufpassen müssen ihren Glauben nicht zu verlieren und den Exorzismus weiter durchzuführen. Vor allem durch die gruselige Ausleuchtung (inklusive reichlich Kunstnebel) und den eingängigen Soundtrack weiß „Der Exorzist“ dabei zu punkten, denn aufgrund des Kammerspiel-artigen Charakters muss sich der Film vor allem auf seine Inszenierung verlassen – und auf seine Darsteller.
Max von Sydow ist auch wirklich eine Idealbesetzung als altgedienter Exorzismus-Experte und kann trotz vergleichsweise wenig Screentime einige Akzente setzen. Auch Ellen Burstyn und Jason Miller als besorgte Erwachsene, einmal als mütterliche, einmal als spirituelle Hilfe, sind wirklich überzeugend, ebenso Linda Blair in der Rolle der jugendlichen Besessenen, die danach nie wieder eine vergleichbare Leistung ablieferte.
Trotz seines Rufes ist „Der Exorzist“ alles andere als ein übermäßig harter oder brutaler Schocker, sondern stattdessen ein Gruselfilm von langsamem Tempo, der seine Wirkung erst nach und nach entfaltet. Die Exposition ist vielleicht einen Tick zu lang geraten, doch seinen Klassikerstatus verdient Friedkins Film definitiv.