Die Kritik beruht auf der deutschsprachigen Kinofassung mit entsprechender Original-Kinosynchronisation!
William Friedkins "Der Exorzist", basierend auf dem Roman von William Peter Blatty, der auch das Drehbuch verfasst und tatsächliche Ereignisse aus dem Jahr 1949 zur zentralen Thematik seines Horrorromans verarbeitet hatte, zählt zweifellos zu den großen Klassikern der Filmgeschichte und war seinerseit nicht nur einer der erfolgreichsten Kinofilme, sondern auch von Kirche und Publikum kontrovers aufgenommen und als Skandal bezeichnet worden.
Sicherlich verdient der Film seinen Ruf zurecht - sowohl als inszenatorisches Meisterwerk als auch als Skandalfilm, der mit seinen schockierenden Szenen und Obszönitäten dafür sorgte, dass die Zuschauer reihenweise die Kinosäale verließen.
"Der Exorzist" zählt sicherlich zu einem der ersten Filme, die sich der Thematik Besessenheit, Dämonismus und Teufelsaustreibung annahmen und Pate unter anderem für Sam Raimis "Tanz der Teufel" stand.
Und auch die im nachhinein sehr komplex und konstruiert wirkende Story war angesichts der Einfachheit der Hauptthematik für damalige Seh-Verhältnisse sicherlich gewöhnungsbedürftig.
Nach einem fast zehnminütigen Prolog, bei der der titelgebende Exorzist Lancaster Merrin bei seinen Ausgrabungen im Nordirak vorgestellt wird, wird der Schauplatz gewechselt und die eigentliche Handlung in der US-Stadt Georgetown erzählt.
Vor allem diese Einführung des von Max von Sydow dargestellten Charakters erscheint auf den ersten Blick unwichtig - und zugegeben: besonders aussagekräftig für den weiteren Verlauf des Films ist sie nicht unbedingt.
Ebenso wird die Zerrissenheit eines zweiten Jesuitenpaters, der nach dem Tod seiner Mutter an sich als Priester und an Gott zu zweifeln droht, sehr in die Länge gezogen, ohne dabei dessen Zwiespalt glaubwürdig auf den Zuschauer zu transportieren.
Parallel zur Einführung der beiden Pater Merrin und Karras wird die Familie MacNeil vorgestellt: die Mutter ist alleinerziehende Schauspielerin, Tochter Regan wohlerzogen und liebenswert. Während in einer Kirche eine Marienfigur geschändet wird, nehmen bei Regan außergewöhnliche Anzeichen in ihrem Verhalten immer mehr zu, die nach diversen medizinischen Untersuchungen nur einen Schluss zulassen: das Mädchen, das sich nach und nach zu einer verunstalteten Fratze verwandelt, das blasphemische Äußerungen und Obszönitäten von sich gibt, scheint von einem Dämon besessen zu sein. Als im näheren Umfeld der MacNeils noch ein mysteriöser Todesfall gemeldet wird, der Lt. Kinderman auf den Plan ruft, scheinen alle Fäden bei Regan zusammenzulaufen und der Bischof gibt sein Einverständnis für eine Teufelsaustreibung.
Unheilvolle Veränderungen an Regan, eine Kirchenschändung, ein mysteriöser Todesfall, satanische Rituale und dazwischen ein todkranker und ein vom Glauben abgekommener Priester, wobei das Duo noch von einem ermittelnden Polizeibeamten vervollständigt wird.
Eine Vielzahl an Charaktere, Nebenhandlungen- und Schauplätzen, an Theorien und medizinischen und theologischen Begriffen prasseln da auf den Zuschauer ein. Und während er versucht, alle Teilchen zu einem Mosaik zusammenzusetzen, setzt Regisseur Friedkin noch einen drauf und zerrt an den Nerven des Publikums, die Zeuge werden, als sich Regan mit entstellter Stimme *Fick mich!* schreit und sich dabei ein Kruzifix in die blutige Vagina stößt oder grünen Schleim durch die Gegend speiht.
Zwar wird im Laufe der Handlung versucht, die ganzen angesprochenen Handlungsstränge zu einem ganzen zusammenzufügen, wodurch vereinzelte Szenen im nachhinein doch noch einen Sinn ergeben, aber am Ende bleibt der Film genauso wie Lt. Kinderman auf seinen Vermutungen und einer Vielzahl von Fragen sitzen.
Dabei nahm sich Regisseur Friedkin wirklich sehr viel Zeit, die für den Verlauf der Handlung wichtigen Charaktere einzuführen und ihnen Tiefe zu verleihen, doch dabei wird die eigentliche Thematik - der Exorzismus - zur Nebenhandlung degradiert und in wenigen Minuten abgehandelt.
Auch Max von Sydow, der als "Der Exorzist" sogar titelgebend ist, wird nach dem einführenden Prolog erst gegen Ende wieder in die Handlung eingeführt.
Stattdessen wird der an sich zweifelnde Pater Karras als zweite Hauptfigur in das Handlungszentrum eingebunden, wobei allerdings seine innere Zerrissenheit nicht aussagekräftig genug dargestellt wird. Bei aller Dialoglastigkeit, die dem Film ohnehin schon anhaftet, wäre das eine oder andere Zwiegespräch zwischen Karras und einem Kollegen für die Entwicklung und Darstellung seiner Figur viel wichtiger gewesen, anstatt ihn mehrere Runden über einen Sportplatz laufen zu lassen.
Auch Ellen Burstyn als Mutter MacNeil wird in ihrer Verzweiflung viel zu übertrieben dargestellt, vor allem in Hinsicht des Fluchens kann sie ihrer besessenen Tochter mehrmals das Wasser reichen. Hier wäre ein ruhigerer Gegenpol wünschenswert gewesen als eine Frau, die selbst zur Furie wird und alle fünf Minuten nur *Oh, Jesus Christus!* ruft.
Dem eigentlichen Exorzismus wird dagegen kaum Spielraum eingeräumt. Wird in einem Dialog über Pater Merrin noch darüber gesprochen, dass sein letzter Exorzismus über mehrere Monate andauerte und ihn fast das Leben gekostet hätte, wird der Teufel hier innerhalb von 5 Minuten ausgetrieben. Pater Merrin überlebt seinen zweiten Exorzismus nicht und der Teufel bemächtigt sich des Körpers von Pater Karras, der daraufhin aus dem Fenster springt. Und der Teufelsspuk ist vorbei.
Die Austreibung selbst, die ja das Finale dieses Schockers hätte darstellen sollen, ist im Gegensatz zu Regans vorherigen dämonischen Auftritten genauso blass geraten wie das Antlitz Pater Merrins. Ein bißchen grüner Schleim, etwas Weihwasser und der ständige *Weiche aus diesem Körper*-Befehl - das war es auch schon.
So enttäuschend das Ende des Films mit all den vielen offenen Fragen auch sein mag, so superb ist Regans Verwandlung vom braven Mädchen zum Teufelskind inszeniert worden.
Angefangen von den Maskeneffekten über das Sound-Design bis hin zu Regans blasphemischen und obszönen Gesten und Dialogen - hier bewiesen Drehbuchautor Blatty und Regisseur Friedkin Einfallsreichtum und inszenatorisches Können um den Zuschauer ordentlich zu schocken.
Und so sind es auch diese Szenen und die Tatsache, dass mit diesem Film das Horrorkino der 70er Jahre revolutioniert wurde, die dem ansonsten angestaubten Klassiker einen gewissen Bonus verleihen und großzügig über die genannten Mängel hinwegsehen lassen.
Trotz aller Kritik - "Der Exorzist" ist und bleibt ein Klassiker und ein Meilenstein des Genres, der seinerzeit voraus war und Maßstäbe setzte, aber wegen ein paar Ekeleffekten und Schocks nicht überbewertet werden sollte.