Der Horrofilm, der kein Horrorfilm sein wollte
In den irakischen Ruinen Hatras sucht Pater Lankester Merrin (Max von Sydow) nach Artefakten des Teufels. Er wird fündig: Die Archäologen buddeln eine Statue des Dämonen Pazuzu aus. Seither scheint Merrin eine mysteriöse Aura des Bösen zu verfolgen. Noch am selben Tag wird er zurück in die USA berufen. Eigentlich im Ruhestand, erreicht Merrin ein sonderbarer Brief: Die Kirche trägt ihm auf, einen Exorzismus durchzuführen. Das junge Mädchen Regan MacNeil (Linda Blair) soll vom Teufel besessen sein. So packt Merrin seine Koffer und bereitet sich vor auf die ultimative Konfrontation mit dem Antichrist …
Der Plot von The Exorcist (1973) klingt wie eine abergläubische Mär. Aber unter der kunstvollen und ruhigen Regie von William Friedkin entwickelt die Geschichte um die besessene Regan einen Sog, dem man sich beschwerlich entziehen kann. Das beginnt schon in der irakischen Ausgrabungsstätte, wo sich ein böses Omen ans nächste reiht. Die Einheimischen taxieren Pater Merrin mit bösen Blicken, die Atmosphäre ist bedrückt und fiebrig. Die ersten zehn Minuten des Filmes sind eine meisterhafte Übung der Unruhe.
Dann schneidet Friedkin nach Georgetown, dem eigentlichen Schauplatz des Geschehens. Er lässt seinen Figuren viel Zeit, sich zu entwickeln, führt sachte in das Leben Regans ein, die zusammen mit ihrer geschiedenen Mutter Chris (Ellen Burstyn) lebt. Chris ist eine gut betuchte Schauspielerin, die nur das Beste für ihre Tochter will. Nach und nach verhält sich Regan immer seltsamer. Sie wird aufmüpfig, beginnt zu fluchen. Und das Heer von Doktoren wird immer ratloser. Ist es etwa doch keine psychosomatische Störung?
Bemerkenswert, wie schnell Friedkin das Publikum dazu bringt, zu zischeln: „Verdammt nochmal, ihr braucht einen Exorzisten!“ Das liegt wohl daran, dass er genussvoll alle wissenschaftliche Methoden abklappert, die sich erdenken lassen. Sie alle erweisen sich als fruchtlos, ja furchterregend. Die dröhnenden medizinischen Gerätschaften sind in The Exorcist beinahe die schlimmeren Monster, als der Teufel. Hier stösst uns der Film mit sicherer Hand an die Grenzen des Erklärbaren – und macht uns deutlich, woher unsere Sehnsucht nach dem Glauben eigentlich kommt. Nämlich aus der Verzweiflung, die Ellen Burstyn mit erschütternder Offenheit verkörpert. „I want you to tell me that you know for a fact that there is nothing wrong with my daughter except in her mind!“ Bei diesem mütterlichen Hilfeschrei an den heimlich ungläubigen Pater Karras (Jason Anthony Miller) ist Gänsehaut vorprogrammiert.
Im Making-of betonen die Macher, dass The Exorcist kein Horrorfilm sei. In der Tat hat das Werk Dimensionen, die weit über die Tropen des Genres hinaus weisen. Im Herzen der Geschichte steht der Psychiater und Pater Karras, der seinen Gottesglauben verloren hat – eine zweifelnde Figur zwischen Wissenschaft und Religion. Demgegenüber ist Pater Merrin gefestigt, unterschütterlich in seinem Glauben. Ihn kümmert weder Krankheitsgeschichte noch Persönlichkeit Regans. Merrin konzentriert sich auf das Absolute, das Böse in Reinform: den Teufel. Insofern lässt sich The Exorcist als existentialistische Geschichte deuten. Der Film trägt aber auch Züge des Familiendramas, er deutet gar das Thema Kindsmissbrauch an.
Ein reicher Subtext also. Dieser lenkt allerdings nicht davon ab, dass The Exorcist tief im Horror verankert ist. Der Film ist gespenstisch, spannungsvoll, blutig. Virtuos führt er einen psychologischen Krieg gegen des Publikum. Er mobilisert Beschützerinstinkte, aber auch die Angst vor dem Unbekannten. Friedkin greift zudem zum Body Horror, zuweilen mit sexuellen Konnotationen. Wahrhaft schockierende Bilder prasseln hier auf das Publikum nieder. Diese wären aber nicht halb so effektiv, bauten sie nicht auf einer subtilen Charakterzeichnung auf. Das Zickzack zwischen Ruhe und Schock, Meditation und Panik, Krimi, Drama und Horror ist betörend.
The Exorcist konnte zehn Nominierungen für den Oscar einheimsen, zwei davon gewann er – in den Kategorien Drehbuch und Sound. Für einen derart deftigen Film ist das durchaus bemerkenswert. An Härte übertrifft er sogar Tobe Hoopers The Texas Chainsaw Massacre, das ein Jahr später erschien und vor allem mit dreckiger B-Movie-Atmosphäre für Aufruhr sorgte. Demgegenüber ist The Exorcist eine fein kalkulierte Maschinerie, ein kunstvolles Psychospiel, das seinen Ruhm redlich verdient hat. Ein Meisterwerk des modernen Horrorfilms wider Willen.
10/10