Review

Als Philosophieprofessor Abe Lucas (Joaquin Phoenix) seinen neuen Job am Braylin College antritt, zweifelt er an der Sinnhaftigkeit seines Lebens. Da können weder die verheiratete Kollegin Rita (Parker Posey), die sich ihm an den Hals wirft, noch die verknallte Studentin Jill (Emma Stone) helfen. Bis Abe und Jill in einem Diner eine verzweifelte Mutter am Nachbartisch belauschen…

Der 79-jährige Woody Allen besucht 2015 die Filmfestspiele von Cannes, wo seine 46. Regiearbeit „Irrational Man“ außerhalb des Wettbewerbs uraufgeführt wird. Das Werk ist eine von Allens Tragikkomödien, besitzt trotzdem die Leichtigkeit, die dem Regisseur zueigen ist, und beginnt nach einer Einführung in kurzer Szenenfolge mit einem Exkurs in die Welt der Philosophie. Denn obwohl Abe schwer alkoholabhängig ist und behauptet ein Großteil der Philosophie sei „verbale Masturbation“, ist er ein höchstgelehrter und geistreicher Professor. Auch seine Dialoge mit der interessierten, wie verliebten Jill sind gespickt mit Zitaten großer Philosophen. Den Ausweg aus der psychischen Krise, die den geistig Potenten körperlich impotent macht, glaubt Abe gefunden zu haben, indem er beschließt etwas moralisch besonders Wertvolles zu tun: er will der Mutter zur Seite stehen, deren Gespräch er im Diner belauscht hat, und der ein unbarmherziger Richter das Sorgerecht für ihre Kinder entziehen möchte. Indem Abe nämlich den Richter erschießt, nicht begreifend, dass er damit gegen die moralischen Grundsätze der großen Denker verstößt. Die Tat bleibt nicht ohne Folgen, nun entwickelt sich eine Krimihandlung um das große Thema Schuld und Sühne.
Woody Allen erweist sich wieder als Meister in Sachen Schauspielführung der ganz großen Mimen. Joaquin Phoenix („Walk the Line“ 2005, „Inherent Vice“ 2014), diesmal mit Speckbauch, ist immens präsent, erst alkoholkrank und selbstmordgefährdet, dann begeistert und wiederbelebt, und hat mit Emma Stone („Birdman“ 2014), die bereits in Allens „Magic in the Moonlight“ (2014) die weibliche Hauptrolle übernommen hatte, einen starken Gegenpart, erst süß und kuschelig, dann bitterböse. Auch Parker Poseys („Best in Show“ 2000, „Grace of Monaco“ 2014) hochrealistisches Spiel ist bemerkenswert.
„Irrational Man“ ist wieder einmal intelligente und anspruchsvolle Unterhaltung, wenn auch kein Geniestreich. Doch davon hat Woody Allen dem Filmfreund bereits jede Menge beschert. (8/10)

Details
Ähnliche Filme