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kurz angerissen*

Woody Allens jährliche Ausflüge in die Romantik mit einer jeweils besonderen Zutat X haben längst etwas Routiniertes an sich, etwas, das nach einer ganz bestimmten Formel funktioniert. In diesem Fall ist es die Philosophie, welche sich zwischen Verliebte drängt und ihren feinsinnig konstruierten Mikrokosmos in einer Art aufbricht, dass man Allen nicht voller Überzeugung vorwerfen kann, er habe sich in der Romantik verloren; denn meist hängt etwas Belehrendes und Entromantisierendes am Ende der Erfahrung, die besagt: Sieger über jedes Märchen bleibt immer die Stupidität des wahren Lebens.

Mit Joaquin Phoenix und Emma Stone wagt der Regisseur einen direkten Eingriff der Theorie in die Praxis, als sich ein desillusionierter Professor quasi aus dem Nichts heraus zu einer folgenschweren Tat entschließt. Philosophie sei größtenteils verbale Masturbation, beteuert Phoenix' ambilente Figur, um seine Aussage im folgenden einem ausgiebigen Selbsttest zu unterziehen. Das Ergebnis ist auf eine schwarzhumorige Weise manchmal komisch, pendelt aber in der zweiten Hälfte deutlich ins Abgründige und hinterlässt spätestens mit der Schlusspointe einen schweren Stein im Magen.

Dass sich "Irrational Man" dennoch wieder so unverschämt leicht anfühlt, liegt wiederum an Allens unverwechselbarem Regiestil: Die Charaktere werden zu schwerwiegenden Entscheidungen in Liebesdingen genötigt, doch spült die Inszenierung die Momente der Wahrheit und die dazugehörigen Konsequenzen gleich im nächsten Moment einfach so davon, so dass die Figuren ohne Altlasten vor einer neuen Situation stehen. Keine Scham, kein schlechtes Gewissen. Mit der Realität hat das selbstverständlich herzlich wenig zu tun, doch es ermöglicht rasante Wendungen, die im übertragenen Sinne dem Gefühlswechselbad eines Verliebten näher kommen als jede Darstellung einer Realität.

Obwohl Allen keine offensichtlichen Trümpfe ausspielen muss wie die surrealen Zeitreisen von "Midnight in Paris" oder die Magier-Ebene von "Scoop", atmet "Irrational Man" wieder etwas Besonderes – ungeachtet des Umstandes, dass der Regisseur eigentlich nur noch seine Maschen ausspielt.

*weitere Informationen: siehe Profil

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