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Joseph Gordon-Levitt spielt den berühmten französischen Seiltänzer Philippe Petit, der in seinem Heimatland einiges Aufsehen erregen konnte, als er nachts illegaler Weise ein Drahtseil zwischen den Türmen der Kathedrale von Notre Dame spannte, über das er bei Tagesanbruch balancierte. Sein nächster Coup soll nun aber noch größer, noch höher und noch spektakulärer ausfallen, der Franzose will zwischen den soeben fertig gestellten Zwillingstürmen in New York balancieren, von Dach zu Dach. Zusammen mit einigen weiteren Wagemutigen tüftelt er einen Plan aus, wie seine Ausrüstung auf die Dächer geschmuggelt und das Seil gespannt werden soll, um ihm den lebensgefährlichen Balanceakt zu ermöglichen. Der Rest ist Geschichte.

Verwunderlich ist es schon, dass der spektakuläre Drahtseilakt des Philippe Petit bisher lediglich als Dokumentarfilm seinen Weg in die Lichtspielhäuser fand und Robert Zemeckis über 40 Jahre nach dem Ereignis als erster einen Spielfilm mit Starbesetzung in die Kinos bringt. Dabei eignet sich der Stoff, die ausgeklügelten und illegalen nächtlichen Vorbereitungen sowie die anschließende 45-minütige Drahtseilnummer, doch perfekt für eine Verfilmung. Andererseits ist es vielleicht auch ganz gut, dass sich Hollywood mit der Verwertung genug Zeit gelassen hat, sodass nun die neue 3D-Technik bei der Verfilmung zum Zuge kommen konnte. Hatten die meisten 3D-Filme der letzten Jahre den Eindruck verstärkt, die Technik komme hauptsächlich zum Einsatz, um einen preislichen Aufschlag auf die Kinotickets zu rechtfertigen, während nur wenigen Filmen wie „Avatar“, „Transformers 3“ oder „Tron“ tatsächlich neben dem finanziellen auch ein optischer Mehrwert attestiert werden konnte, so stellt auch „The Walk“ eine, wenn nicht sogar die Ausnahme schlechthin, dar. Schade nur, dass Zemeckis sonst nicht allzu viel gelungen ist.

Statt „The Walk“ im Stile eines Heist-Movies aufzubauen und direkt den nächtlichen Coup auf den Zwillingstürmen in den Fokus zu rücken, erzählt Zemeckis lieber in schönen Bildern eine etwas rührselige und altbekannte Geschichte über einen Mann, der einen ziemlich ausgefallenen Traum hat, der sich als eine Art Künstler begreift, welcher sich über seine Drahtseilakte ausdrückt, der relativ egozentrisch und gar nicht mal allzu sympathisch erscheint und seine Geschichte aus dem Off bzw. von der Freiheitsstatue aus mit einem etwas nervigen französischen Akzent kommentiert. Unterlegt wird das leidlich unterhaltsame Artisten-Portrait von den gefühlvoll-melancholischen Klängen von Alan Silvestri, dennoch gelingt es Zemeckis aber anders als bei seinem Meisterstück „Forrest Gump“ nicht, wirklich emotional zu packen, der rührige Film plätschert vielmehr vor sich hin. Das ist nicht nur der mangelnden Sympathie für den Protagonisten geschuldet, sondern auch dem Umstand, dass seine Motivation bis zuletzt nicht klar herausgearbeitet wird. Auch wenn es hart klingen mag, das erste Drittel des Films hätte man sich sparen können, wenngleich es handwerklich gut umgesetzt ist und auch hier einige sehenswerte (3D)Bilder dabei sind, die den Zuschauer etwas bei der Stange halten.

Dann geht „The Walk“ endlich in ein Heist-Movie über, die Planungsphase beginnt und der Film nimmt an Fahrt auf. Zemeckis orientiert sich stark an den Fakten, zeigt, wie die kreativen Tüftler ihre Aktion planten, den Ort auskundschafteten und mit welchen Problemen sie dennoch zu kämpfen hatten, weil es eben alles andere als trivial war, das Drahtseil zwischen den Türmen zu spannen. Der Film wird interessanter, unterhaltsamer und entschädigt zunehmend für den mauen Auftakt, zumal Zemeckis endlich auch auf Spannung und Atmosphäre setzt. Der märchenhaft-verklärte Stil, der leider weiterhin beibehalten wird, macht aber so manches kaputt.

Und dann kommt endlich der Showdown. In der einen oder anderen Kritik wurde von Höhenangst geplagten Zuschauern vom Kinobesuch abgeraten, was freilich etwas übertrieben ist, doch der Drahtseilakt, den Zemeckis über eine beachtliche zeitliche Länge von fast 20 Minuten zelebriert, ist doch so atemberaubend inszeniert, dass man sich nicht abwenden kann. Er entschädigt für alles. Die Kamera, geführt von Dariusz Wolski, der auch die malerischen Bilder zu „Der Marsianer“ für Ridley Scott einfing, zeigt den Seiltänzer aus allen Perspektiven, gleitet mehrfach an den Türmen hinauf und hinunter, am Seil entlang und findet immer wieder neue Einstellungen, in denen die dritte Dimension voll zu Geltung kommt. Die atemberaubende Sequenz ist perfekt getaktet und verfügt über eine unglaubliche atmosphärische Dichte. Wer sie im Kino gesehen hat, der wird sie so schnell nicht vergessen.

Am Ende überwiegt so ein positiver Grundeindruck, aber auch das Gefühl, das mehr drin gewesen wäre. Joseph Gordon-Levitts engagierte Vorstellung als besessener Seiltänzer hätte jedenfalls eine geglücktere Charakterkonstruktion verdient gehabt, so bleibt am Ende der gelungene Auftritt von Ben Kingsley stärker im Gedächtnis. Außerdem entsteht der Eindruck, dass etwas fehlt. Der Protagonist, der immer noch in seinem ulkigen Kostüm auf der Freiheitsstatue steht, erzählt vor dem postkartentauglichen Hintergrund von Downtown Manhattan seine Geschichte zu Ende, merkt an, dass er noch häufiger auf das Dach der Twin Towers gefahren ist. Kein Wort zu den Anschlägen, die untrennbar mit diesen Gebäuden und somit auch mit Petits Geschichte verknüpft sind. Darüber kann Zemeckis eigentlich nicht hinweggehen, doch er tut es.

Fazit:
Anstelle einer Zusammenfassung nur ein kurzer Apell: Dieser Film ist den Kinobesuch Wert, allein wegen seines spektakulären Finales, der vielleicht eindrücklichsten 3D-Sequenz der bisherigen Filmgeschichte. „The Walk“ tritt den Beweis an, dass die Technik tatsächlich einen Mehrwert haben kann, was ausgesprochen selten vorkommt. Der Rest ist Mittelmaß, aber egal: Schaut es euch an!

65 %

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