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Die Legende besagt, daß die Wikinger zu ihren Raubzügen stets mit einer Gruppe starker und wilder Männer anrückten, die so schrecklich wüteten, daß man sie anketten mußte, um sie unter Kontrolle zu halten. Erst wenn man auf Widerstand stieß, ließ man die bärenfelltragende und angeblich schmerzunempfindliche Meute los. Eine erste Offensive, welche die Reihen der Gegner meist gleich sichtbar lichtete. Man nannte sie die Berserker. Doch da diese Bestien keine Grenzen kannten und ihre Opfer nicht nur niedermetzelten sondern sie sogar verspeisten, wurden sie von ihrem Gott Odin verflucht. Ihr unseliger Geist wurde von Generation zu Generation weitervererbt, auf daß sie so lange mordeten, bis der letzte Nachkomme sein Leben aushaucht. Erst dann findet ihre gepeinigte Seele Ruhe. Wie es der Zufall so will, haben die Wikinger vor langer, langer Zeit auch das Rainbow Valley in Amerika mit ihrem Besuch beehrt und sich dort sogar niedergelassen, weshalb man diese Gegend auch gerne "Little Norway" nennt. Und Odins Fluch hat die Zeiten überdauert.

Jefferson Richards Berserker, gedreht im Juni 1986 in Utah, greift diese nordische Legende auf und integriert sie in einen handelsüblichen Backwoods-Slasherplot. Immerhin würzt Richards sein preisgünstig produziertes Wald-und-Wiesen-Horror-Movie mit einer kleinen Prise Mystery und einer großen Prise Atmosphäre. Zum Beispiel zeigt er immer wieder einen stattlichen Bären (ja, man hat tatsächlich einen echten Bären aufgetrieben!), der munter durch den Wald streift und als Täter ebenso in Frage kommen könnte wie ein Berserker. Dumm nur, daß der Film aber nun mal Berserker heißt, und man muß nun wahrlich kein Einstein sein, um zum Schluß zu kommen, daß der Bär nur der Ablenkung dient und im Grunde unschuldig ist. Andererseits darf man bis zum Ende rätseln, wer denn nun eigentlich der Berserker ist. Zugegeben, bei den gerade einmal zehn Charakteren, die den Film bevölkern (wovon auch noch zwei gleich zu Beginn ins Gras beißen), hält sich die Schwierigkeit dieser Aufgabe in Grenzen. Aber manchmal freut man sich halt schon über Kleinigkeiten. Apropos freuen. Sehr erfreulich ist auch die dichte Stimmung; der düstere, nebelverhangene Wald, in Kombination mit einigen schönen Gegenlichtaufnahmen, gefällt.

Und es war eine gute Idee, auf eine schaurige Gruselatmosphäre zu setzen, da die Geschichte leider nicht wirklich viel hergibt. Sechs junge Studenten - Josh (Greg Dawson), Kristi (Shannon Engemann), Mike (Joseph Alan Johnson), Kathy (Valerie Sheldon), Larry (Rodney Montague) und Shelly (Beth Toussaint) - fahren zu einem einwöchigen Camping-Urlaub ins idyllische Rainbow Valley. Daß dort vor einiger Zeit jemand ermordet wurde, trübt ihre Freude nur unwesentlich. Was soll auch schon Schlimmes passieren, wo doch sowohl Camp-Betreiber Pappy Nyquist (George 'Buck' Flower) als auch der griesgrämige Officer Hill (John F. Goff) ständig nach dem Rechten sehen? Tja, spätestens wenn die scharfen Krallen des Berserkers durchs zarte Teeniefleisch pflügen, wünscht sich bestimmt so manche(r), man hätte den Urlaub doch lieber irgendwo an einem sonnigen Strand verbracht. Die Gore-Effekte sind recht zurückhaltend, leicht durchschaubar und auch nicht sonderlich gut gelungen, aber durch die ordentliche Kameraarbeit (immer nah am Geschehen) und den rasanten Schnitt erreichen die Berserker-Attacken doch eine rohe Intensität und sind erstaunlich effektiv geraten.

Leider kann das nicht darüber hinwegtäuschen, daß Berserker insgesamt ziemlich lahm ist. Die Figuren sind einem, obwohl nicht gänzlich unsympathisch, egal, die Action hält sich in Grenzen, Spannung kommt kaum auf, das Berserker-Outfit ist lächerlich, und der Body Count ist überraschend niedrig. Und trotzdem mag ich den Film. Wie schon erwähnt überzeugen sowohl die Monsterattacken als auch die Grundstimmung, wobei man sogar eine schöne "Ich erzähle euch eine Horrorgeschichte am Lagerfeuer"-Szene geboten bekommt. Beth Toussaint macht sich für ihre Sexszene nackig, und der Score voller eingängiger Rock-Balladen verbreitet pures Achtziger-Jahre-Flair. Die alten Haudegen George 'Buck' Flower (Ilsa: She Wolf of the SS, Back to the Future, Cheerleader Camp, They Live, Wishmaster, u. v. m.) und John F. Goff (Johnny Firecloud, The Fog, Alligator, Maniac Cop, u. a.) werten den Film ebenfalls auf, aber gegen den aberwitzigen Höhepunkt kommen auch sie nicht an. Wenn der herumstreunende Bär auf den mordlüsternen Berserker trifft und diese schicksalhafte Begegnung in einen heftigen Fight ausartet, ist man nahe dran, Bauklötze zu staunen. Da fühlt man sich fast an den unvergeßlichen Kampf "Zombie vs. Hai" in Lucio Fulcis Zombi 2 (Woodoo - Die Schreckensinsel der Zombies) erinnert. Große Klasse, auch wenn der Bär in einigen Nahaufnahmen offensichtlich von einem Mann im Bärenkostüm gedoubelt wurde. Berserker ist gewiß kein Highlight des Genres, aber ganz so schlecht, wie er allgemein bewertet wird (OFDb 3,62/10, IMDb 3,90/10, abgerufen am 28.03.2014), ist er nun auch wieder nicht.

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