Review

kurz angerissen*

Schon von "Enter The Void" ging eine warme, melancholische Wirkung aus, die etwas Entwaffnendes verströmte. Aufgrund seiner hochexperimentellen Gestaltung trug Gaspar Noés bis dato letzter Film aber noch einen formalästhetischen Panzer. Diesen streift der Regisseur mit der langen Anlaufzeit von sieben Jahren nun ab und gibt sich bedingungslos einem großen Wort hin, das er mit einem einzigen Film gar nicht bändigen kann: Liebe.

Wer diesen Arthaus-Sexfilm unbedingt attackieren will, wird in seinem Vorhaben wohl kaum scheitern. Die Liebesgeschichte, die ausgehend von einer monogamen Beziehung vor allem polyamore Tendenzen anatomisiert und in eine Dreiecksbeziehung ableitet, liefert eine durchgehende Angriffsfläche, die ebenso lang ist wie die Laufzeit. Seinen grellen Experimentalismus rund um Stroboskoplicht, Neonfarben und vogelfreie Kameraschwenks beschränkt Noé auf ein absolutes Minimum. Mal verteilen sich die Buchstaben eines Zitates über den gesamten Bildschirm, dann wird eine Lichtquelle en detail vor die Kamera gehalten oder eine ungewöhnliche Szenenmontage ausgeführt, auch sticht beispielsweise eine Perspektive aus dem Inneren einer Vagina heraus, die penetriert wird. Insgesamt aber wird mit langen Einstellungen gearbeitet, die das Bildmaterial beruhigen, welches überwiegend in roten UV-Tönen mit reichlich Filmkorn gehalten ist. Die Sets bestehen aus kahlen Zimmern, die mit Filmpostern tapeziert sind (oder mit Kulissen aus "Enter The Void"); die Bildausschnitte liegen nahe an den Körpern, die selbst dann entblößt scheinen, wenn sie mal nicht nackt sind.

So gesehen funktioniert "Love" doch stark über das Visuelle, dies jedoch im Unsichtbaren. In dem Vorhaben, der Realität so ungefiltert wie möglich nahe zu kommen, gerät seine Intention in das gleiche Paradoxon, mit dem auch Dogma 95 per definitionem zu kämpfen hat: Durch Selbstbeschränkung wiederum eine künstlerische Stellung einzunehmen, die doch eine realitätsverfremdende Wirkung ausübt.

Wenn man sich darauf einlässt, kann "Love" insbesondere dank der intensiven Darstellung von Hauptdarstellerin Aomi Muyock dennoch eine faszinierende Erfahrung sein. Sein größtes Mißverständnis ist vermutlich, der Liebe gesamtheitlich beikommen zu wollen, dabei liefert er nur einen kleinen Teilausschnitt. Gemeinsam mit Michael Hanekes "Liebe", der sich dem gleichen Sujet aus völlig anderer Richtung annähert, kommt man der Wahrheit aber schon näher.

*weitere Informationen: siehe Profil

Details