Damals als die „Unendliche Geschichte“ anno 1984 herauskam, da suhlte sich das filmische Deutschland ein wenig nach der internationalen Aufmerksamkeit, die ihr Wolfgang Petersens Fantasyverfilmung einbrachte: ein tricktechnisch aufwändiger Film für – im Vergleich zu Hollywood – wenig Geld, aber mit großer Vermarktungschance.
Seht her: es ist möglich, Unterhaltung "made like in Hollywood" auch in Deutschland zu produzieren.
Aber so weit war es gar nicht her mit den Produktionsstätten in good old Germany, denn die Bavaria hatten schon ganz andere Produktionen auf die Beine gestellt, die global ihr Publikum fanden und manchmal hatten die Deutschen mehr als einen Fuß mit ins Wasser gehalten.
So ein Beispiel ist „Kapitän Sindbad“, ein Abenteuer nah an 1001 Nacht, der heute ein wenig unter der viel größeren Beachtung krankt, die die vergleichbaren Seefahrerabenteuer, die Ray Harryhausen getrickst hat, auch heute noch kassieren.
An die deutsch-amerikanische Co-Produktion von 1963 (zur gleichen Zeit operierte Harryhausen übrigens gerade mit „Jason und die Argonauten“ herum und scheiterte an der Übersättigung des Publikums durch den Sandalenfilm der Europäer) erinnert sich heute kaum noch jemand, außer er hat häufig an Wochenenden zur Kaffeestunde die Sender der 70er und 80er durchforstet.
„Kapitän Sindbad“ wurde offensichtlich in der Tradition von „Sindbads siebter Reise“ entworfen und eifert den kleineren Erfolgen der Italiener in dieser Richtung nach (Der Gauner von Bagdad, Der goldene Pfeil, Aladdins Abenteuer) – nur eben auf einer kleineren Skala. Und wie man dann leider feststellen musste, leider auch mit wesentlich weniger handwerklichem Geschick.
Worum geht es denn nun in dieser budget-begrenzten Produktion, die notgedrungen auf eine reine Studiodrehs ausweichen mussten?
Der Titelheld ist zu Beginn mit seiner „besten Besatzung, die sich ein Mann nur wünschen kann“ (ein deutliches Zeichen, dass ein Großteil davon ins Gras beißen wird) auf den sieben Meeren der Studiobassins unterwegs. Daheim wartet Prinzessin Jana (sehr exotisch die Namenswahl, aber Heidi Brühl ist auch nicht Caroline Munro), doch ihr Vati, der Kalif oder König ergibt sich zu Beginn gleich pro-aktiv den herannahenden Schergen des Großbösewichts El Kerim, der nach dem typischen Mongolenbild geschneidert wurde. Hier übt sich Pedro Armendariz (das ist der freundliche türkische Agentenpartner James Bonds aus „Liebesgrüße aus Moskau“) als brülliger Glatzenmann mit Fellweste und terrorisiert bald alle Anwesenden nach Kräften.
Als Verbindungsglied dient (oder dient nicht) der Hofzauberer Galgo, eine Figur, bei dem man nicht sicher sein kann, ob er als Parodie gedacht war oder ob der Darsteller die ganze Zeit einfach nur auf LSD war. Galgo freut sich sichtlich geradezu kindlich ("Ooooh! Aaaah! Uuuuh!") an seinen Tricks, an denen er die ganze Zeit herumübt und Chaos verbreitet (vorzugsweise irgendwelche Gewitter in der guten Turmstube), ist mal rebellisch und mal kriecherisch und ist meistens unwillig, wenn man was von ihm will. So verwandelt er erst auf dreimaliges Beharren hin Jana in einen scharzen Piepmatz, der Sindbad warnen soll, aber die Muskelberge an Bord sind Mentalzwerge und zu doof, ihre Nachricht zu bemerken, bis sie von den ebenfalls zu Vögeln verwandelten Wachtruppen wieder eingekastelt wird.
Anschließend bombardiert man des Seefahrers Schiff zwischen Klippen, die auch in der Augsburger Puppenkiste nicht überzeugender umgesetzt waren mit dicken Steinen, so daß der Held sich nach Hause zurück stehlen muss. Also macht sich Sindbad „in disguise“ auf nach Baristan, wo er versucht, nahe an den Usurpator heranzukommen, indem er als Dieb verurteilt werden will. Natürlich wird das alles durchschaut, doch unser Held ist flink mit dem Säbel, aber oh je, El Kerim ist leider unzerstörbar. Also muss unser Held erneut eingefangen in der Arena kämpfen, mit irgendeiner unsichtbaren Bestie, die große Fußabdrücke hinterlässt (Budget, Leute, Budget…). Das schafft er, fackelt aber dabei großflächig das Arenamodell ab, so dass es so aussieht, als hätte Sindbad dreihundert Unschuldige verbrannt, was aber nicht weiter thematisiert wird.
Auf jeden Fall bekommt er nun endlich aus Galgo, dem Widerspenstigen, El Kerims Geheimnis heraus: Glatzenkarl hat sein „heart removed“, es residiert in einem Turm am anderen Ende des Landes zwischen lauter todbringenden Gefahren. Ohne das Herz ist El Kerim unverwundbar.
Nachdem nun schon fast 60 von 85 Minuten rum sind, macht sich der Held nun endlich auf seine Queste: El Kerim den Schrittmacher auszuschalten.
Hatte man bisher den Fun einer hübschen Palastproduktion mit reichlich Glitzerkostümen geht der Film nun auf der Schlussgeraden in die Vollen. Um zu dem Turmmodell zu gelangen, müssen die Herren Seefahrer zu Fuß nun durch Sümpfe und Vulkanlandschaften, wie sie nur derer von Pappmaché so schön produzieren können. Einer der Helfer wickelt sich erfolgreich in eine Würgeliane ein, mehrere andere fackeln sich mit Lava und Feuerdüsen ab oder stürzen sich offenbar proaktiv in strudelige Wasserlöcher. Einer steht so lange tatenlos zitternd in der Gegend rum, bis die Tricktechniker (Hausmeister?) vier nahezu unbewegliche Riesenkrokodile ganz nah an die Kamera herangeschoben haben, um ihn zu verputzen. Kreisch!
Am Fuß des Turms wartet dann auf unsere Helden der Drache des Stücks, der in der Anlage irgendwo zwischen chinesisch Neujahr und wieder der Pupsburger Augenkiste einzuordnen ist: ein offensichtlich schwer unbewegliches neunköpfiges Märklinmodell, dass man am Ende per Felsbrocken von der Klippe kippt. Im Turm muss Sindbad dann mangels Treppe ganz allein an einem riesigen Seil hochklettern (was übrigens nach dem Arenastunt das erste Mal ist, dass der Held auch mal richtig was tut), um dann oben erst eine riesige mechanische Hand zu bekämpfen (ja, das ist in etwa so aufregend wie es sich anhört, also gar nicht) und in einem Kunststoffkristall das Herz zu entdecken, dass exakt wie eine herzförmige Bonboniere ausschaut, die man in Samt eingeschlagen hat. El Kerim eilt zwar zur Gegenwehr binnen Minuten an (Sindbad darf also noch mal fechten), aber nachdem Galgo noch etwas augenrollenden Slapstick abgesondert hat, wirft er das Ding endlich vom Turm. Happy End whatsoever.
Öh ja, ich bin ja so einiges gewöhnt, vorzugsweise von Cinecitta-Monstern oder den lustigen Püppchen, die sich der Ostblock für seine Märchenfilme zusammengeschraubt hat, aber das Teil hier ist echt knorke. „Captain Sindbad“ atmet den Geist einer hüft- und kniesteifen Studioproduktion aus allen Poren und spielt den Zores mit todernstem Gesicht runter, weil man als Kasperersatz ja Grimassendjango Galgo hat, den bestimmt alle Kinder knorke fanden. Mit acht Jahren war das sicher alles noch der Hammer, aber wenn der Drache ins Bild kommt, dann warte ich nebenan sofort auf das singende, klingende Bäumchen aus der DEFA-Rumpelkammer, so starr und aussagearm wirkt diese metallene Marionette. Auch sonst sind die Matte-Effekte, mit den Galgos Wolkeneruptionen, die Brandeffekte des unsichtbaren Irgendwas und die Zaubereffekte eher mit kindlicher Naivität denn mit Können ausgeführt.
Dazu passt, dass Heidi Brühl als Jana zwar wirklich alles gibt (außer wie eine Prinzessin aus 1001 auszusehen), Guy Williams als Sindbad jedoch eine ziemlich feiste Performance reitet und so gar keinen Liebhabercharme ausstrahlt. Aber seine Kreise sind durch die Studiodekos und den ganzen Trockeneisnebel auch begrenzt. Armendariz hat noch am ehesten Spaß und würzt seine Performance mit schwarzem Humor, auch wenn er sich noch vor Veröffentlichung des Films das Leben nahm (was allerdings mit einer Erkrankung zu tun hatte, nicht mit diesem Film). Irgendwo rennt da übrigens auch noch Bernie Hamilton rum, der später als Boss ständig Starsky und Hutch die Leviten las.
Ganz im Ernst: für Low-Budget-Trickproduktionen der Fantasyschublade ist Bert I.Gordons „Ascalon, das Zauberschwert“ (oder „St.George und der Drache“, wie er manchmal heißt) immer noch der Goldstandard, diese Co-Produktion kann gerade mal in einer russischen Baba-Yaga-Märchenverfilmung mit DEFA-Beteiligung noch die Getränke servieren. Ich gebe großzügig Punkte für die prachtvollen Palastbauten und den Indoor-Aufwand der Ausstatter, aber einen „sense of wonder“ konnten auch die begabtesten Prop-Leute ohne Animationsfähigkeiten nicht aus Nichts generieren. Wie gesagt, mit dem achtjährigen Neffen geht es vielleicht noch, aber der behäbige Plot ist auch nicht dazu angetan, sich so recht in die 1002.Nacht zu retten. (4/10)