Der sanfte Killer von nebenan
„American Ultra“ ist verpackt als Stoner-Actionfilm, getarnt als ultrabrutale Komödie – und überraschend ernst gemeint. Auf dem Papier klingt die Geschichte wie ein abgefahrenes Pitch-Meeting nach zu viel Kaffee: ein lethargischer Kiffer (Jesse Eisenberg) aus einer amerikanischen Kleinstadt entpuppt sich als schlafender Elitekiller eines geheimen Regierungsprogramms. Doch was banal klingt, entfaltet sich mit erstaunlicher Eleganz. Mike Howell ist kein klassischer Held, sondern ein junger Mann mit Panikattacken, Comicträumen und einer tiefen emotionalen Bindung zu seiner Freundin Phoebe (Kristen Stewart). Als sein konditioniertes Ich reaktiviert wird, kollidieren zwei Identitäten frontal – und genau aus dieser Reibung zieht der Film seine Energie. Was folgt, ist ein eskalierender Reigen aus Verfolgungsjagden, Schusswechseln und improvisierten Nahkämpfen, bei denen selbst ein Löffel zur tödlichen Waffe wird.
Das Drehbuch spielt geschickt mit Kontrasten: Alltägliche Dialoge werden jäh von ultrabrutalen Eskalationen zerschnitten. Der Humor ist derb, manchmal fast unverschämt, aber nie selbstzweckhaft. Gewalt wird hier nicht zelebriert, sondern als absurde Konsequenz einer völlig entgleisten Bürokratie dargestellt. Der Film strotzt nur so vor schrägen Einfällen – von improvisierten Mordwerkzeugen bis hin zu beiläufigen One-Linern, die sitzen wie gezielte Kopfschüsse. Das erinnert stellenweise stark an „Kick-Ass“, allerdings mit weniger Comic-Überzeichnung und mehr nihilistischem Zungenschlag.
Der Film balanciert auf einem schmalen Grat zwischen Stoner-Komödie, Verschwörungsthriller und Liebesfilm – und fällt erstaunlich selten herunter. Die Kleinstadtatmosphäre wirkt bewusst unspektakulär, fast schläfrig, was die eruptive Gewalt umso wirkungsvoller erscheinen lässt. Hier knallen keine Hochglanzfassaden, sondern Supermärkte, Hinterhöfe und Parkplätze. Actionmäßig geht es hier alles andere als zimperlich zu. Es gibt deftige, blutige Shootouts, brutale Nahkämpfe und einige Explosionen, die den Begriff „Kollateralschaden“ neu definieren. Doch das eigentlich Faszinierende: Jesse Eisenberg mutiert hier zu einer Art Jason Bourne-Killermaschine – und das auf eine Weise, wie man es von ihm so gar nicht gewohnt ist. Seine Bewegungen sind präzise, effizient, beinahe maschinell. Kein martialisches Posieren, kein Heroismus. Nur Instinkt, Training und ein innerer Schalter, der gnadenlos umgelegt wird.
Nach dem fantastischen „ Adventureland“ ist dies das zweite Aufeinandertreffen von Kristen Stewart und Jesse Eisenberg – und wieder ist das Ergebnis bemerkenswert. Ihre Chemie ist exzellent, beinahe mühelos. Die Beziehung zwischen Mike und Phoebe bildet das emotionale Fundament des Films: authentisch, glaubhaft, frei von Kitsch. Keine großen Liebesschwüre, sondern kleine Gesten, Blicke, gemeinsame Routinen. Eisenberg liefert hier eine seiner ungewöhnlichsten, aber sicher stärksten Performances ab. Die Verwandlung vom nervösen Slacker zur tödlichen Präzisionswaffe geschieht nicht über Muskelspiel, sondern über Körpersprache und Timing. Der Wechsel zwischen introvertierter Unsicherheit und tödlicher Entschlossenheit gelingt ihm mit beeindruckender Präzision. Kristen Stewart steht ihm in nichts nach. Sie überzeugt mit leiser Intensität und natürlicher Präsenz – eine Leistung, die weit entfernt ist von jeder klischeehaften „Girlfriend“-Rolle.
Fazit
„American Ultra“ ist frech, brutal, überraschend zärtlich und immer wieder herrlich respektlos. Seine Gewalt ist heftig, seine Ideen manchmal überdreht, doch unter all dem Lärm schlägt ein echtes Herz. Die Kombination aus schrägem Humor, kompromissloser Action und einer glaubwürdigen Liebesgeschichte hebt ihn deutlich aus dem Genre-Einheitsbrei heraus. Ein wilder, blutiger, überraschend warmer Trip – nichts für Zartbesaitete, aber ein Fest für alle, die im Actionkino mehr suchen als nur Explosionen.