Ist es Zufall, dass eine deutsche Komödie, die bar jeder Vergangenheitsbewältigung daherkommt und sich zudem gänzlich salonunfähig gibt, einen Kinorekordstart hinlegt? Wohl kaum. Denn die Deutschen mögen bei ihren eigenen Produktionen nicht mehr (nur) wie einst, in den 1970ern, viel nackte Haut sehen, sondern schlicht und einfach lustig unterhalten werden. „Der Schuh des Manitu", „Traumschiff Surprise" und „Otto - Der Film" sprechen da Bände. Und auch wenn Humor sicherlich im Auge des Betrachters liegt, so scheint dem deutschen Film trotz aller völlig zu Recht anbrandenden Kritik eines mit Sicherheit zu gelingen, das Bedienen der Wünsche des heimischen Publikums. Und das will im Kino zuvorderst Party und Spaß. Und wenn dann die Chose noch dazu etwas aneckt, umso besser.
Es geht nach Thailand. Und das ist gut. Nicht, weil es Südostasien ist, sondern weil es raus aus dem gewohnten Klassenzimmer in ein neues Setting führt. Tapetenwechsel ist bei Fortsetzungen nie verkehrt. Ein paar Diamanten, die Zeki Müller (Elyas M'Barek) erbeutet hat, sind nämlich versehentlich in einem Stofftier ans andere Ende der Welt verfrachtet worden. Und da die Freundin und Kollegin (Karoline Herfurth) ohnehin Druck macht, sich etwas projektorientierter zu zeigen, schlägt der ehemalige Ganove zwei Fliegen mit einer Klappe und nimmt seine Idiotentruppe mit auf eine Reise. Es kommt natürlich, wie es schon beim ersten Mal kam. Ein anstößiger Kalauer folgt dem nächsten und ein rotziger Spruch jagt den anderen. Dabei geht es, ob es behagt oder nicht, nicht selten tatsächlich urkomisch zu. Und das nicht nur, weil endlich einmal so herrlich unbedarft alle Schulpsychologie samt aphephosmophobem Aspergerkind über Bord ins Meer geworfen wird (Ohne stationäre Umwege und in nur wenigen Tagen ist auf diese unorthodoxe Weise der berührungsängstliche autistische Jugendliche von seinem Leiden geheilt). Auch die restlichen Mitglieder der Gruppe profitieren wie schon im ersten Teil sichtlich davon, dass sie ihr Lehrer mit unverkrampfter Nachdrücklichkeit, etwa mit elektronischen Fußfesseln, zu fertigen Persönlichkeiten erzieht. Man muss schon zum Lachen in den Keller gehen, um sich hierüber zu echauffieren, denn weder ist das alles ernst gemeint, noch könnte man es auch beim schlechtesten Willen ernst nehmen.
Elyas M'Barek ist kein großer Schauspieler. Er ist ein Mime, der das rüberbringt, was das deutsche Vorabendpublikum gewohnheitsmäßig von ihm erwartet. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Und darüber hinaus muss auch gar nichts kommen, um den falschen Lehrer Zeki Müller zu spielen, der als Quereinsteiger unkonventionelle Methodik nutzt, um seine pubertierende Sondergesamtschulmeute zu erziehen. Hauruckhumor und rein vordergründiger Spaß verlangen nicht nach großer Artistik. Und doch kommt man nicht umhin, auch bei diesem Film die Leistung einer Darstellerin zu loben, von der man gewiss noch öfter hören wird. Das große Licht, zumindest in schauspielerischer Hinsicht, ist Jella Haase, die hier das Dummchen Chantal spielt. Ihre Imitation der geistig Verlorensten unter unseren Jugendlichen, deren gesamter Alltag in einem sechs mal zwölf mal einen Zentimeter großen Plastikutensil zusammengefasst werden kann, ist absolut großartig. Sie ist in ihrer erschreckend gelungenen Parodie so wundervoll anzusehen, dass man als am Metier interessierter Mensch beinahe versucht ist, sich in einer sehr angenehmen Fantasie zu verlieren. Denn allein der Gedanke daran, dass auch nur ein geringer Bruchteil der minderjährigen Kinobesucher bewusst vor Augen geführt bekommt, wie simpel gestrickt er letztendlich in seiner Freizeitgestaltung ist, versetzt in Wochenendstimmung. Leicht zu übersehen ist die demonstrative Satire des jugendlichen Handywahns im Film jedenfalls nicht. Der jungen Jella Haase sei Dank.
Ein weiterer Pluspunkt von „Fack ju Göhte 2", den auch schon bereits der erste Teil für sich verbuchen konnte, ist sein rücksichtslos politisch unkorrekter Dialog. Dabei profitiert die deutsche Mainstreamkomödie gemeinhin doch vom genauen Gegenteil. Türkisch-für-Anfänger Regisseur Bora Dagtekin, der auch schon den Vorgänger inszenierte, schert sich hingegen nicht um deutschen Mief. Da werden spießbürgerliche Bildungsphilister veralbert, die Idiosynkrasien ethnischer Minderheiten durch den Kakao gezogen und die Bildungsferne der Unterschichten karikiert. Doch bevor man sich darüber grämt, was denn da Ekeliges passiert, empfiehlt sich ein genauerer Blick. Denn die Seitenhiebe mit Seltenheitswert sind keineswegs bösartiger Natur, sondern ein entlastendes Indiz dafür, dass man im Deutschland des Jahres 2015 der Forderung nach Gleichberechtigung nachkommt. Jeder bekommt sein Fett ab, niemand wird geschont. Ein paritätischer Ansatz, der Ernst macht mit gelebter Ebenbürtigkeit. Dass der noch dazu von einem türkischstämmigen Regisseur ins Werk gesetzt wird, macht potentielle Kritik an filmimmanenter Darstellung von Randgruppen jedenfalls zu einem abenteuerlichen Unternehmen.
Sicher, „Fack ju Göhte 2" ist keine intellektuelle Unterhaltung. Er ist nicht so feinfühlig wie die französischen Erfolgskomödien der Sorte „Ziemlich beste Freunde" oder „Willkommen bei den Sch'tis" und nicht so geistreich wie die heimischen Genrehöhepunkte „Ödipussi" oder „Pappa ante Portas" des unvergessenen Loriot. Dafür gebärdet man sich unzivilisiert und ein wenig anarchisch. Auch ist, und das merkt man der allgemeinen feuilletonistischen Rezeption an, der Überraschungseffekt irgendwie weg. Wettgemacht wird dieses Manko jedoch mit einer nochmals erhöhten Gagdichte, die keine zwei Minuten Film ohne echten Unterhaltungswert garantiert. Zumindest, wenn man der Sache aufgeschlossen gegenübertritt. Elyas M'Bareks Figur ist zwar auf den ersten Blick ein therapeutischer Elefant, doch der pädagogische Super-GAU bleibt aus. Denn wie das so üblich ist, werden am Ende Handlungsanweisungen für das jugendliche Kinopublikum gezimmert, die bei manchen unserer Jüngsten vermutlich eher durchschlagen, wenn sie von einem Filmganoven formuliert werden, als wenn man damit im verhassten Klassenzimmer traktiert wird. Die Notwendigkeit elterlicher Autorität und die Unabdingbarkeit von Bildung stehen in „Fack ju Göhte 2" jedenfalls nicht nur Diskussion.