Season 1
erstmals veröffentlicht: 21.11.2015
Manchem ist das Prequel-Spin-Off zu “The Walking Dead” schon viel zu langsam und ereignislos (Vorwürfe, die selbst der Originalserie wiederholt gemacht werden). Doch tatsächlich hätte der Ausbruch gerne noch weiter verzögert werden dürfen, denn die Andeutungen des Bevorstehenden in Kombination mit der Arglosigkeit der Menschheit sorgen für die intensivsten Momente in dieser ersten Staffel.
L.A. präsentiert sich als perfekte Kulisse für die anrollende Zombie-Apokalypse. Das Orangerot seines Sonnenuntergangs erzählt der Zivilisation ihre letzte Gutenachtgeschichte, bevor sie in den elliptischen Nimbus der Hauptserie einkehrt und einem end- und sinnlosen Überlebenskampf ausgesetzt ist. Wie man den Suspense, auf dem die Grundidee dieses Prequels basiert, optisch untermalen muss, haben die Macher zweifellos verstanden. Die Atmosphäre ist ähnlich, aber doch anders als jene von „The Walking Dead“ – hier das triste Untergangsszenario, da die melancholische Abschiedstournee.
Hervorragend auch der Einstieg in der ersten Episode, der eine Großstadt nicht nur einem Urknall gleich von Infizierten unterwandern lässt, sondern den Vorgängen durch die Perspektive eines Drogensüchtigen einen halluzinogenen Anstrich verleiht. Zudem wird deutlich gemacht, dass es keine unschuldige Welt trifft, sondern eine, die sich ohnehin bereits in ihrem eigenen Dreck suhlt, was eine dezente, aber doch eindringliche Anklage erlaubt.
Cliff Curtis und Kim Dickens sind ähnliche Schauspielertypen wie die Kollegen aus der Urserie – charismatisch und emotional eher kühl. Auch auf Quasi-Hauptdarsteller Frank Dillane treffen diese Attribute zu. Sie werden jedoch allesamt durch das Szenario schauspielerisch stärker gefordert als ihre Vorreiter, was den Fokus leicht vom Produktionsdesign auf das Acting verschiebt.
Dass sich dessen ungeachtet mancher Klischeecharakter eingeschmuggelt hat (begonnen schon beim dicklichen Nerd der Auftaktfolge, der alles schon früher wusste), gehört zu den weniger gelungenen Eigenschaften, bis hin zur formelhaften Darstellung des Militärs, das in der Handlung einen zentralen Platz einnimmt. Massenpaniken und Highways voller leerer Autos sind wohl jene Bilder, die man sich von diesem Projekt erhofft hat, sie werden aber etwas zu früh ausgespielt. Doch das ist wohl der Fluch unserer Zeit, die keinen Platz für Entwicklung mehr gewährt.
Dennoch keine schlechte Ergänzung für Anhänger des „Walking Dead“-Kosmos. Im Kern wird das Potenzial der Vorgeschichte immerhin erfasst. Allerdings sei kritisch hinterfragt, wie viele Staffeln das Konzept wohl tragen mag, wenn die Zombies schon jetzt am längeren Hebel sind…
(7/10)
Season 2
erstmals veröffentlicht: 30.10.2016
Schon mit der zweiten Staffel greift die kleine Bruderserie des immer noch laufenden "The Walking Dead" in dessen direkten Handlungsspielraum ein – und macht sich dadurch viel früher als notwendig völlig obsolet.
Denn jetzt, da der Wegfall der Zivilisation bereits fast abgeschlossen ist, wird "Fear The Walking Dead" zu einer Überlebensserie, in der die gleichen Methoden angewendet werden müssen, um dem Tod durch Gefressenwerden (oder, wenn der Mensch als das größere Übel mal wieder dazwischenfunkt, Erschossen- oder Erstochenwerden) zu entgehen. Der Cast fordert also ganz direkt den Originalcast heraus und verliert, denn obwohl Kim Dickens, Cliff Curtis, Frank Dillane und viele ihrer Co-Stars schauspielerische Qualitäten vorzuweisen haben, werden sie in einer unnötigen Wiederholung dessen verheizt, was im Zyklus um Andrew Lincoln, Norman Reedus und Lauren Cohan schon längst abgehandelt wurde. Spätestens als sich der Konflikt zwischen Rick Grimes und seinem Sohn Carl mit Travis und dessen Sohn Chris praktisch völlig deckt, drängt der kommerzielle Aspekt weit vor den künstlerischen: Kann "Fear The Walking Dead" fortan mehr sein als eine zusätzliche Vollbedienung für alle, denen 16 Episoden Zombie-Apokalypse pro Jahr nicht ausreichen?
Nur selten knüpfen die Drehbücher noch an zivilisatorische Restbestände an. Hin und wieder werden die leeren Straßen San Diegos gezeigt, einmal befasst sich ein Prolog auch mit dem Seuchenausbruch mitten auf einer Hochzeitsfeier, um in der Haupthandlung die überlebenden Personen und ihr derzeitiges Schicksal zu behandeln, doch insgesamt fühlt sich alles zu sehr nach einer schlichten Mexiko-Grenzland-Variante der Hauptserie an.
Immerhin wird ein wenig mit eingeschränkten Szenarien gespielt. Obwohl die erste Serienhälfte auf See leider kaum zündet, so ist wenigstens der Versuch ehrenwert, die Probleme der naheliegenden Flucht aufs Wasser zu beleuchten. Strategisch interessanter wird dann die Säuberung einer großen Hotelanlage. Dies sind aber tatsächlich nur Spielereien, die im Endeffekt fehlende Substanz kaschieren sollen. Als Miniserie wären die sechs Episoden der ersten Staffel also durchaus zu gebrauchen gewesen, schon jetzt aber ist anzuzweifeln, ob noch irgendetwas von Belang herauszuholen ist.
(4/10)
Season 3
erstmals veröffentlicht: 31.10.2017
Die Zivilisation ist endgültig abgestreift und konzeptionelle Unterschiede zur Mutterserie lassen sich inzwischen nicht mehr ausmachen. Ist die Enttäuschung über die aufgegebenen Alleinstellungsmerkmale jedoch einmal verfolgen, muss man anerkennen: Der zerfahrenen zweiten Staffel lässt man eine dritte folgen, die das Ruder im Rahmen ihrer Möglichkeiten noch einmal herumreißt und die vor allem dramaturgisch überzeugen kann.
Die Wege der etablierten Hauptdarsteller trennen und vereinen sich fließend, während sie neue Feinde und Verbündete treffen, die man wesentlich schneller akzeptiert hat als in anderen Drama-Serien, weil man um die Kurzlebigkeit der Gruppenzusammenstellungen jederzeit weiß. Das Schicksal, ja selbst die Kamera behandelt sie (fast) alle gleich, denn (fast) jeder kann Opfer des Szenarios werden. Die Abwesenheit einer moralischen Gerechtigkeit schlägt sich nicht nur darin nieder, dass bösartige Charaktere mitunter ein vergleichsweise langes Leben führen und sympathische Zeitgenossen schon früh ins Gras beißen, sondern auch in der Art, wie sie sterben; so wird eine der besonders liebenswerten Figuren gegen Ende in einer schnell geschnittenen Schusswaffensequenz relativ empathielos einfach über den Haufen geballert, ohne dass sich die Kamera besonders um sie scheren würde.
Mit Solisten-Episoden, die sich ausschließlich um eine spezielle Figur drehen, bereitet die dritte Staffel in weit ausschweifenden Erzählbögen spätere Zusammenkünfte vor, so dass es zum Aha-Erlebnis kommt, wenn die anfangs zusammenhanglos erscheinenden Perspektiven synchronisiert werden. Der Fokus liegt auf einem Rancher-Dorf, das von einer zwielichtigen Familie mit harter Hand und geführt wird; nichts besonderes soweit, wenn man die Hauptserie regelmäßig verfolgt. Kompliziert wird es durch einen verfeindeten Indianerstamm sowie den Subplot um einen von einem skrupellosen Geschäftsmann besetzten Staudamm, der wichtig wird, als in dem Dorf Wassermangel entsteht.
Obwohl die Machthalter ihre Position nie lange halten können (zu Erzfeinden der Marke „Governor“ oder „Negan“ reicht es also nicht), bleiben die Eckpfeiler über deren Lebens- und Handlungsspanne hinaus erhalten. Dayton Callie („Sons Of Anarchy“), Daniel Sharman („Krieg der Götter“) und Sam Underwood („The Following“) können sich bei den Neuzugängen besonders profilieren; bei den alten Bekannten stechen diesmal vor allem Rubén Blades und Colman Domingo heraus, da sie jeweils wichtige Subplots fast im Alleingang führen, während Familie Clark wie üblich zum Dreh- und Angelpunkt im Zentrum auserkoren ist und zwischen den Parteien vermittelt, um überleben zu können, wobei Spannungsmomente weiterhin aus Meinungsverschiedenheiten zwischen den Familienmitgliedern gewonnen werden.
Sein Image als trockener Südstaaten-Ableger mit weniger Schauwerten, Splatter und Spektakel kann „Fear The Walking Dead“ mit dieser Rezeptur natürlich nicht ablegen, auch wenn die letzte Episode mit einer geschmackvoll inszenierten, mehrteiligen Traumsequenz und einem explosiven Finale noch einmal ein Ausrufezeichen setzt. Immerhin ist aber wieder ein erzählerischer Fortschritt gegenüber der zweiten Staffel zu erkennen. Das einzig sinnvolle Ziel für zukünftige Staffeln kann jetzt eigentlich nur noch bedeuten, dass man langsam, aber sicher auf ein Crossover hinarbeitet; denn die Clarks auf Ricks Survival-Trupp treffen zu lassen, hätte mit dem Wissen aus x Staffeln Zombie-Epidemie nochmal einen ganz besonderen soziologischen Reiz.
(7/10)
Season 4
erstmals veröffentlicht: 17.04.2019
Es hat sich mal wieder eine Menge verändert bei „Fear The Walking Dead“ und wie schon beim Sprung von der zweiten in die dritte Staffel hat der Slogan „Never Change a Running System“ auch diesmal keine Chance. Die neuen Showrunner Andrew Chambliss und Ian Goldberg kappen nicht nur radikal die bisherige Storyline zugunsten eines erzählerischen Neuanfangs, sondern rotieren den Cast auf radikalste Weise, erproben neue Möglichkeiten, die Handlungsstränge miteinander zu verknüpfen und werkeln fleißig an der Optik; ja, sogar eine aufgepeppte Titeleinblendung mit neuem Jingle und dynamischem Bezug auf den Inhalt der jeweiligen Folge wird ausprobiert.
Das bedeutet leider auch, dass die zuletzt geäußerte Feststellung, der Ableger sei auf dem besten Weg, qualitativ mit dem Original gleichzuziehen, wieder hinfällig ist. Die vierte Staffel ist nach der zweiten die schlechteste geworden. Woran das liegt, ist auf den ersten Blick gar nicht so einfach auszumachen. Praktisch sämtliche Neuzugänge schlagen nämlich ein wie eine Bombe. Allen voran Garret Dillahunt. Mit einem Selbstgespräch von philosophischer Qualität verhilft er der Staffel zu einem sehr starken Einstieg und mausert sich zu einem absoluten Sympathieträger, den die Serie dringend benötigt hat. Vor allem seine Rückblick-Episode, die zugleich den Einstieg der überraschend gut ins Ensemble passenden Jenna Elfman bedeutet, verleiht ihm sehr viel Tiefe. Dazu steigt auch noch Lenny James aus der Hauptserie quer ein. Auch wenn man vielleicht irgendwann größere Crossover-Bemühungen sehen würde, der Morgan-Darsteller macht einen guten Anfang und passt zu den reisenden Clarks als Wanderer wesentlich besser als ins statische Alexandria. In der zweiten Hälfte wird er sogar fast zum alleinigen Antrieb der Handlung, die wesentlich von ihm und seiner Einstellung zu Leben und Tod geprägt ist. Und dann kommt noch Maggie Grace als Journalistin dazu, die einen dokumentarischen Aspekt in die Geschichte einfließen lässt und in der ersten Staffelhälfte so direkt einwirkt auf die verwendeten Erzählmittel.
Doch selbst wenn die Chemie unter den Darstellern stimmt und eine gewisse Vision zweifellos vorhanden ist; in der Umsetzung ergeben sich eklatante Schwächen. Beginnend bei der Optik, die im Gegensatz zu den farbenfrohen Flashbacks so extrem entfärbt ist, dass einem die damit getroffene Aussage regelrecht ins Gesicht springt. Früher war eben alles besser. Überhaupt können die Zeitsprünge, von denen die erste Hälfte durchsetzt ist, als ambitioniert, aber in vielerlei Hinsicht gescheitert betrachtet werden. Sie geben den Autoren die Möglichkeit, bereits gestorbene Charaktere zu einem späteren Zeitpunkt wieder zurückzubringen, so dass man posthum noch mehr über sie erfährt; faktisch wird diese Möglichkeit aber eher für nostalgische Rückblicke mit Träne im Augenwinkel genutzt als für handfeste Charakterzeichnung. Immerhin ist manche Entwicklung aus soziologischer Perspektive durchaus spannend (etwa das Verhältnis zwischen Alicia und Charlie). Doch selbst dieser Pluspunkt verwandelt sich am Ende in ein dickes Minus: Wenn Tonya Pinkins im zweiten Teil als Antagonistin aufgebaut wird und anderen Lebenden unentwegt ihr merkwürdiges Mantra aufdrängt (wer Anderen hilft, ist schwach), verwandeln sich jegliche Ansätze differenzierter Charakterstudie in überzeichnete Comic-Reliefs, die eine weitere, zunächst eher egoistische Figur mit ihrem heldenhaften letzten Einsatz noch bestätigt. Nein, das ging schon besser.
(4.5/10)
Gesamt: 6/10
weitere Staffelbesprechungen können folgen.