Review

Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger (1970)


„Zwischen Mord und Politik besteht ein alter, enger und dunkler Zusammenhang. Er ist in der Grundstruktur aller bisherigen Herrschaft aufbewahrt: Sie wird von demjenigen ausgeübt, der die Beherrschten töten lassen kann.“

(Hans Magnus Enzensberger: „Politik und Verbrechen“)


Ein Mann betritt die Wohnung einer sehr schönen Frau. Sie erwartet ihn bereits. Er tötet sie. Er lässt es nach Raubmord aussehen, hinterlässt dennoch bewusst Spuren. Er benachrichtigt die Polizei per Telefon, ohne seine Stimme zu verstellen. Er verschwindet aus dem Gebäude, wird dabei von einem jungen Mann gesehen. Der Mann betritt das Polizeigebäude, wird feierlich begrüßt, und verschwindet in sein Büro, an dessen Tür steht: „Capo Sez. Omicidi“. Der Mann, der von allen ehrfürchtig der „Dottore“ genannt wird, ist der Chef des Morddezernats. An diesem Tag wird er befördert zum Leiter des politischen Büros.

„Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger“ von Elio Petri war damals zur Erscheinungszeit ein erfolgreicher Film in Italien, nicht nur das, selbst einen Oscar gewann der Film damals. Nun weiß ich persönlich nicht, wie der Film damals in Deutschland ankam, heutzutage ist er jedenfalls nahezu unbekannt, überhaupt gibt es bis heute nicht einen Film von Petri auf deutscher DVD.
Die schwache Distribution überrascht nicht, aus mehreren Gründen. Zum einen teilen noch sehr viele italienische Klassiker dieses Schicksal, zum anderen werden unbequeme, politische Filme oft genug totgeschwiegen, seien es Filme von Costa-Gavras, Damiano Damiani, Francesco Rosi oder eben Elio Petri (umso schöner, dass sich wenigstens die dritten Programme manchmal dieser Filme annehmen).

Und „Ermittlungen…“ ist aus vielerlei Gründen unangenehm, zeichnet er doch ein ausnahmslos negatives Bild der staatlichen Macht. Der Dottore (Gian Maria Volonté), dessen vollen Namen wir bezeichnenderweise niemals erfahren, ist ein hemmungsloser Narziss und Machtmensch, ein Verfechter der staatlichen Ordnung, und dazu noch ein perverser Mörder. Klingt geradezu nach einer stark links angehauchten Karikatur, doch Petri und sein Ko-Autor Ugo Pirro belassen es nicht dabei. Der Dottore führt an seiner eigenen Person ein Experiment durch, zu dem ihn seine Geliebte Augusta Terzi (Florinda Bolkan) inspiriert hat:
Kann ein Mann in seiner Position mit einem schweren Verbrechen davonkommen? Kann ein Mann, der über jeden Verdacht erhaben ist, einen Mord begehen, ohne die Konsequenzen zu tragen? Und wie verhält sich der staatliche Apparat dazu?

Dabei ist der Dottore trotz jedweder Überzeichnung ein vielschichtiger Charakter. Einerseits geht er vollends in seiner Rolle als Gesetzeshüter auf, andererseits kämpft er mit seinem Schuldkomplex, der ihn dazu zwingt, Spuren und Indizien zu hinterlassen, sich verdächtig zu benehmen, um letztendlich geschnappt zu werden, um das Gesetz, das er repräsentiert, aufrechtzuerhalten. Denn er glaubt an das Gesetz, er glaubt an das, was er tut: „Verbrechensbekämpfung ist Zivilisation“.
Das Experiment des Dottore besteht unter anderem auch darin, falsche Fährten zu legen. „Angenommen, das Verbrechen Terzi hat einen politischen Hintergrund“, sagt er, und prompt wird solch ein Hintergrund kreiert, wird mehr schlecht als recht zusammengeschustert. Und doch geht die Rechnung auf, denn der gesamte Polizeiapparat stemmt sich mit aller Kraft gegen linke, „subversive“ Elemente.
Der Dottore offenbart in einer Rede, die er vor seinen Kollegen hält, den politischen Zeitgeist des Staates und seiner Untergebenen: „Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen gewöhnlichen Straftaten und politischen Delikten. […] Hinter jedem Kriminellen kann sich ein Umstürzler verbergen. […]„Was für ein Unterschied besteht zwischen einer Bande von Gangstern, die eine Bank überfallen und den subversiven Bewegungen, die organisiert, institutionalisiert, legalisiert sind? Keiner!“
In seiner Rede wirft der Dottore Streiks, Demonstrationen, Prostitution und Banküberfälle alle in einen Topf, und setzt sie gleich. Das Ziel all dieser „Verbrechen“ sei die „Abschaffung der gegenwärtigen sozialen Ordnung“, was ein Gräuel ist für diejenigen, die ein Gesetz vertreten, das sie „nicht verändert haben wollen, das unumstößlich feststeht“.
Die Rede bekommt dennoch einen seltsamen Beigeschmack, da wir bereits von den Verbrechen des Dottore wissen. Was will er uns sagen? Kann er sich alles erlauben, weil er das Gesetz vertritt, auch Mord? Oder muss er sich eben doch stellen, weil das Gesetz „unumstößlich“ ist? Ist der Dottore ein Opfer seiner Prinzipien oder doch nur ein bigotter Machtmensch? Vielleicht beides?
Überdies kriegen wir ein beängstigendes Bild der Polizeiarbeit vorgeführt. Telefonüberwachung ist eine Selbstverständlichkeit, die Aktenberge über subversive Kräfte füllen ganze Etagen, die Verhöre sind rau und brutal, und grenzen an Folter.

Die Inszenierung ist meisterhaft, und pendelt zwischen den Ermittlungen und den Flashbacks hin und her, die die Beziehung des Dottore zu Augusta Terzi beleuchten. Darin gefällt er sich als Voyeur, als Beobachter, der unzählige Fotos von der Terzi schießt, die sich bereits auf den Photographien als Opfer gebiert.
Volonté liefert wahrlich eine One-Man-Show ab, in ihm versammeln sich alle Eigenschaften der staatlichen Autorität, sowie deren Bigotterie.
Auch die Nebenrollen sind mit Arturo Dominici, Salvo Randone und Florinda Bolkan hervorragend besetzt.
Hervorzuheben ist auch die Musik von Ennio Morricone. Ich bin immer wieder begeistert, wie es der Mann versteht, die Essenz einer Geschichte zu verstehen und musikalisch umzusetzen.

Am Ende dieser filmischen Untersuchung über Politik und Verbrechen, dieser Analyse staatlicher Willkür gibt es keine Auflösung, denn die muss die Realität selbst liefern. Wird der Dottore für seine Taten büßen? Geht das Experiment auf?
Petri überlässt Kafka die letzten Worte:

„Wie er uns auch erscheinen mag,
ist er doch ein Diener des Gesetzes,
also zum Gesetz gehörig,
also dem menschlichen Urteil entrückt.“

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