„Wie wirst Du mich heute töten?“ – „Ich werde Dir die Kehle durchschneiden.“
Mit diesem irritierenden Dialog zwischen einer attraktiven Frau im Negligé und ihrem nachmittäglichen Besucher beginnt der Film und es wird noch irritierender, als der Mann wenige Augenblicke später beim gemeinsamen Liebesspiel seinen Worten Taten folgen lässt – zur Überraschung des Zuschauers sowie seiner Liebhaberin. Im Anschluss hinterlässt der Täter gut sichtbare Spuren in der Wohnung, ruft die Polizei, verlässt das Haus und geht zur Arbeit – ins Polizeipräsidium.
Denn unser (namenloser) Protagonist ist Chef der Mordkommission, bzw. war es, gerade ist er zum Chef der politischen Abteilung befördert worden. Als solcher zeigt er vom ersten Tag an harte Kante, setzt Sit-ins mit Banküberfällen gleich und Studenten und Obdachlose mit Verbrechern, wird zum menschlichen Symbol des italienischen Polizeistaats der 70er-Jahre. Zeigleich treibt er seine ehemaligen Kollegen an, im noch ungeklärten Frauenmord zu ermitteln und bringt sich selbst dabei immer weiter in die Schusslinie der Beamten.
Die Zuschauerverwirrung ist Programm bei Elio Petris Film. Gian Maria Volontès „Dottore“ ist nicht einfach an Selbstsabotage interessiert. Im Gegenteil: Wie der Titel bereits suggeriert, geht es ihm darum, seinen Status als „um jeden Verdacht erhabener Bürger“ zu zementieren. Er steht über dem Gesetz, ist unangreifbar. Ein Stück weit könnte diese Figur ein Vorläufer von Bret Easton Ellis’ American Psycho sein: eiskalt und skrupellos genießt er lüstern seine Macht, foltert und erniedrigt und lässt doch ab und an Risse des Selbstzweifels in seiner Fassade erkennen.
Ein interessantes Psychogramm, ein gesellschaftskritischer und politischer Thriller, der nicht zufällig mit einem Zitat von Franz Kafka endet. Dazu gibt es einen von Ennio Morricones besten und bekanntesten Scores außerhalb seiner Westernwerke.