Review

Der deutsche Forscher Theodor Koch-Grünberg (Jan Bijvoet) bereist im Jahr 1904 die Amazonasregion. Als er den Schamanen Karamakate (Nilbio Torres) trifft, ist der Völkerkundler schwer krank und erhofft sich Heilung durch eine seltene Pflanze. Fast 40 Jahre später begegnet der amerikanische Biologe Richard Evans Schultes (Brionne Davis) dem alten Karamakate (Antonio Bolívar)…

Der kolumbianische Regisseur Ciro Guerra (geb. 1981 in Rio de Oro, „Die Reisen des Windes“ 2009) präsentiert das Aufeinandertreffen zweier Welten vor der phantastischen Kulisse des Amazonas-Regenwalds. Gefilmt allerdings in schwarz-weiß, denn die alten Fotografien und Zeichnungen von Theodor Koch-Grünberg sind die einzigen Dokumente, die es von einigen ausgerotteten Indianervölkern gibt. Im Mittelpunkt der Handlung steht der Schamane Karamakate, der schon zu Anfang des Jahrhunderts glaubt der einzige Überlebende seines Stammes zu sein, was 1941 bei der Expedition Schultes traurige Realität geworden ist. Er hegt ein tiefes Misstrauen gegen den weißen Mann, der sein Volk für den wilden Abbau von Kautschuk ermordet hat. Noch schlimmer ergeht es denen, die man versucht hat in eine Weltanschauung zu sozialisieren, die ihnen völlig fremd ist. Karamakate, Koch-Grünberg und ihr Führer Manduca erreichen eine Missionsstation, in der ein Kapuzinermönch die Kinder ermordeter Eingeborener aufzieht. Doch als dieser ein Kind auspeitscht und zwingt dabei das Vaterunser zu beten, erschlägt ihn Manduca und befielt den Kindern in den Regenwald zu fliehen. Als der Schamane und der Biologe vier Jahrzehnte später den Ort besuchen, finden sie eine pervertierte Zivilisation vor, in der sich ein Weißer zum Messias erklärt hat und von den Eingeborenen verehren lässt, die er grausam unterdrückt. Karamakate und Schultes fliehen, als der selbsternannte Heiland im kollektiven Drogenrausch seinen Getreuen befiehlt, im Wortsinn sein Fleisch zu essen und sein Blut zu trinken. Auf der letzten Etappe erinnert sich der alte Schamane an vieles, was er längst vergessen hatte und beschließt, dass es doch nicht falsch sein kann einen Teil seines Wissens preiszugeben, damit es für die Nachwelt erhalten bleibt. Die Wunderpflanze Vakruna, deren Heilkraft bei seinem Volk seit Jahrhunderten genutzt wurde, hat er zuvor aber vernichtet, weil sich beide Forscher als ihrer nicht würdig erwiesen haben. Im Rausch nach dem Genuss der einzigen verbliebenen Vakruna wechselt Guerras Film kurz in den Farbmodus, andere Visionen, wie eine halsbrecherische Luftaufnahme des Regenwalds und der kurze Kampf eines Leoparden mit einer Schlange sind wieder in schwarz-weiß gehalten. Hier trägt das siegreiche Raubtier noch die Schlange fort, doch die Zeit des stolzen Dschungeltiers ist trotzdem vorbei.
„El abrazo de la serpiente“ (Originaltitel) ist optisch und inhaltlich einzigartig. Der Film läuft in Cannes und auf der Berlinale 2016 und wird für den Oscar für den besten fremdsprachigen Film nominiert. (9/10)

Details
Ähnliche Filme