Review

Apocalypse Wow


Vor drei Jahren hatte ich Ciro Guerras „Embrace of the Serpent“ im Kino leider verpasst und bisher konnte ich ihn auch noch nicht auf den Streamingplattformen nachholen, da deren Angebot an Arthouse und Weltkino, selbst wenn es um solche oscarnominierten Brecher geht, doch noch immer arg übersichtlich, knapp, schlecht kuratiert und oft arg beschnitten ist. Nun zeigte ein Filmmuseum in meiner Nähe diesen Südamerika-Meilenstein allerdings nochmal in einer Retrospektive, die ich mir auf keinen Fall entgehen lassen wollte. Der Film erzählt in wunderschönem Schwarzweiß auf zwei Zeitebenen von Expeditionen (um 1900 und um 1940) weißer Männer in den Amazonasdschungel - beide Male geführt vom selben, alleine lebenden Ureinwohner, einmal in jung, einmal in alt. Angelehnt an echte Expeditionen und Entdecker, wie den deutschen Theodor Koch-Grünberg, entführt uns diese ruppige Reise in den Regenwald, in die Religion, in die Narben der Kolonisation und in einen einzigartigen, entlarvenden Selbstfindungs- und Todestrip des Westens und des Menschen allgemein...

Die Vorschusslorbeeren, die man zu Guerras Werk kaum umgehen konnte, werden sogar noch getoppt. „Der Schamane und die Schlange“ ist eine Mischung aus „Fitzcarraldo“ und „2001“, ein einnehmender Brocken voller Weisheit und Schönheit. Es ist einer dieser Filme, die einen tief berühren und die man einfach nicht vergisst. Auch gar nicht vergessen will. Und dabei ist das gar keine trockene, anstrengende Arthouse-Kunst, sondern geht recht flockig von der Hand übers Auge ins Herz. Danach will man alle Filme Guerras sehen und nachholen, der Mann wird nicht umsonst jetzt schon als Kolumbiens größter Regisseur ever gefeiert und das ist sein (bisheriges) Magnum Opus. Obwohl sein diesjähriger „Birds of Passage“, über den Drogenkrieg zwischen Kolumbien und den USA aus Sicht der Ureinwohner, ebenfalls besonders gut und empfehlenswert ist. Aber „Der Schamane und die Schlange“ hat eben eine Aura, die über einen schwappt und einen verändert. Es ist eine dieser seltenen Filmerfahrungen, die einen prägen und daran erinnern, was man an dieser Kunstform über alles liebt. Der Score brummt und walzt zwischen Natur und Emotionen, grüner Hölle und pulsierendem Leben, sich wiederholenden Fehlern und einem Funken Hoffnung; die Darsteller wirken enorm authentisch und spielen faszinierend echt; die Themen sind breit und tief, werden jedoch nie zu schwer oder erdrückend vorgetragen; die Locations, voller Hitze und Gefahr und unberührter Natur, kann man quasi fühlen; die beiden Geschichten packen exzellent ineinander; die Bilder sind von einer unsterblichen Eleganz und Reinheit; die vielen Aussagen und Eindrücke sind zeitlos, aktueller und akuter denn je, intelligent, menschlich und weise durch und durch. Und die Aufzählung könnte wirklich noch ewig weitergehen. Aber am Ende steht immer nur eins: unbedingt angucken! 

Fazit: ein meditatives Dschungelkunstwerk und einer der fetten Meilensteine des (Arthouse-)Weltkinos in diesem Jahrzehnt. Mystisch, magisch, majestätisch. Einfach ein atemberaubender und unvergessliches Trip und ein Manifest für die (zum Teil verlorenen) eingeborenen Völker unserer Welt! Traurig irgendwie. Eine vergessene Welt. 

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