Review
von Leimbacher-Mario
Eine schreckliche nette Familie
Das außerordentlich frische Langfilmregiedebüt von Trey Edward Shults (ein Name, den man sich merken sollte!) erzählt eine ziemlich intime Familiengeschichte über Schuld, Sucht und Schmerzen: eine etwas gezeichnete Frau in ihren 60ern kommt nach Jahren ohne Kontakt über das Thanksgivingwochenende zu ihrer großen, mittlerweile mehrere Generationen überbrückenden Familie zurück. Doch schnell wird das vielköpfige Zusammensein in dem riesigen Anwesen von ganz menschlichen, alten Dämonen, Ängsten und Streitigkeiten heimgesucht, was nicht nur den Truthahn aus der Bahn wirft...
In dem von der Kritik hochgelobten, sogar etwas schwarzhumorigen Indiedrama geht Shults sofort bei seinem ersten größeren Projekt ans Eingemachte. „Krisha“ ist straight und experimentell, künstlerisch ambitioniert und gewagt, dennoch alles andere als unzugänglich. Nicht der klassische Kritikers Darling, nicht das klassische Debüt, nicht ein klassischer Film. Ein sehr spezieller Blick in die Seelenrisse einer Frau, einer Familie. Inklusive Alkohol, Schuld und Sühne. Krisha Fairchild spielt ihre titelgebende Namensvetterin famos und nuanciert, das Sounddesign ist angsteinflössend und positiv beunruhigend, dass das ganze Familienprojekt klare autobiografische Zügen besitzt, ist kaum zu übersehen und verleiht der sich zuziehenden Festtagsschlinge eine ungemeine Authentizität und Dringlichkeit. Vielleicht hätten manch einem Konflikt oder dem kompletten letzten Drittel jedoch ein paar Minuten und Szenen mehr zum Atmen und Wirken gut zu Gesicht gestanden. Ansonsten sind die nichtmal 80 Minuten in jedem Fall gut investiert.
Fazit: ein beeindruckendes, konzentrierteres und fast schon hypnotisches Debüt eines zukünftigen Ausnahmetalents. Ziemlich intensiv und untergründig verstörend. Ein Familientreffen wie ein authentischer, gefühlsechter Alptraum. Home Invasion mal ganz anders und extrem persönlich.