Auch wenn das Gesamtwerk von Regisseur Giorgio Capitani recht übersichtlich geblieben ist, so ist es schon verwunderlich, dass er nach „Ognuno per sé" keinen weiteren Italo-Western zustande gebracht hat. Denn dieser Streifen kann es durchaus mit bekannten Vertretern des Genres aufnehmen, gleichwohl die epischen Ausmaße eines Sergio-Leone-Werkes nicht erreicht werden. Zu simpel die Story, zu kurz die Zeichnung der Charaktere. Aber auf den zweiten Blick entwickelt gerade dieser flüchtige Blick auf die Beteiligten seinen eigenen Reiz.
Erst einmal verwirrt der Einstieg den Zuschauer. Sam Cooper, ein alter Cowboy, hat in den Bergen eine Goldmine entdeckt. Bereits hier wird das Reichtum versprechende Erz tödlich für den einzigen Kumpanen von Sam Cooper, denn er wollte seinen Mitstreiter um den Besitz des Goldes bringen. Es überrascht, dass die Begriffe Gier, Reichtum und Moral bereits in den ersten Minuten so direkt thematisiert werden, Capitani scheint keine Zeit verschwenden zu wollen. Doch hier wird auch bereits die fast tiefgründigste Charakterisierung dargelegt, nämlich die der Person Cooper: Ein Mensch, der bereit ist, zu teilen. Der im Gegensatz zu seinem Spießgesellen seine Gier unter Kontrolle hatte, aber aus Notwehr tötete. Der klug genug ist, nur soviel Gold mitzunehmen, wie sein Pferd tragen kann.
Und einer, der weiß, dass er Hilfe braucht, wenn er die Mine ausbeuten und das Gold abtransportieren will. Man spürt seinen Zwiespalt ganz genau in der Abwägung, sein Geheimnis mit jemandem zu teilen in der Angst, die Geschehnisse könnten sich vielleicht wiederholen und seinem Wunsch, Hilfe zu beanspruchen. Diese Zweifel lassen Cooper zu einem angreifbaren, verzagenden Mann werden.
Capitani lässt bereits am Anfang düstere Bilder sprechen. Egal, ob eine halb verfallende Ruinenstadt, in der bei der erneuten Durchquerung in Richtung Mine den Beteiligten allerlei Blei um die Ohren fliegt, ein dreckiges Westernstädtchen mit Saloon oder ein heftiger Regenschauer, der auf die Stimmung drückt, ein wenig „Django"-Atmosphäre ist stets dabei.
Doch was den Film besonders trägt, ist die kammerspielartige Inszenierung, die mit fortschreitender Zeit immer stärker in den Vordergrund rückt. Denn nachdem sich der Trupp gefunden hat, dreht sich alles nur um das merkwürdige Quartett, welches sich hinaus in die Einöde wagt. Bereits die Zusammenstellung der Abenteurer verlief seltsam, und, aus Coopers Sicht, teilweise auch unfreiwillig. Mitnehmen wollte er eigentlich nur den jungen Manolo, ein Bekannter aus früheren Tagen, der stets zuverlässig war. Zu Manolo gesellt sich ein Verfolger: Brent, der sich zu Manolos Kindheitstagen um ihn gekümmert hat. Klaus Kinski spielt die Rolle des schweigsamen Brent mit gewohnt kirrem Blick, wobei sein aus anderen Rollen hinlänglich bekannter Hang zur psychopathischen Mimik hier nicht so ausgeprägt ist. Geheimnisumwittert genug bleibt er allemal, genauso wie der vierte im Bunde, den Cooper aus Argwohn rekrutiert, gewissermaßen um das nominelle Gleichgewicht der Gruppe wieder herzustellen. Ein bisschen fühlt man sich beim Plot an die „Zwei glorreiche Halunken" erinnert, auch hier raufen sich - allerdings nur zwei - Outlaws zusammen, weil sie aufeinander angewiesen sind. Zusätzlich werden sie noch von einem Dritten belauert, der ebenfalls auf dem Weg zum Schatz ist. Doch hier weiß man als Außenstehender von Anfang an, wie man die Männer einzuschätzen hat und kann ihr Handeln vorausahnen. Zudem suggeriert schon der Originaltitel („The Good, the Bad and the Ugly") die grobe Rollenverteilung.
Doch das Gefüge innerhalb eines Quartetts ist ungleich komplizierter ausgefallen. Es offenbart sich an dieser Stelle nur zu gut, dass die nur an der Oberfläche verbleibende Charakterisierung der Spannung sogar zuträglich ist, denn so werden die Personen für den Außenstehenden unberechenbarer. Auch die Ehrbarkeit eines Sam Cooper kommt dabei ins Wanken. Alle anderen Beziehungen bewegen sich in einem wechselseitigen Spannungsfeld und man wartet förmlich auf den Funken, der die trügerische Idylle platzen lässt. Kann sich Cooper auf Manolo verlassen? Schuldet Manolo seinerseits Brent noch Dank aus früheren Zeiten, als dieser sein Zögling war? Was führt der vierte Mann - Mason - für ein Groll gegen Cooper, denn dieser hat ihn nur als Bekannten, nicht als Freund angeheuert? Was hält Mason von Cooper, denn er hat gesehen, wie dieser allein von der Mine zurückkehrte, obwohl zu zweit aufgebrochen? Am offensichtlichsten war noch der Zwist zwischen Brent und Mason, denn dieser wollte ihn auf dem Hinweg nicht aus einer Schlucht hochziehen, als ein Teil der Ausrüstung in den Abgrund stürzte und Brent zwecks Bergung nach unten klettern musste.
Während in der Mine die unterschwelligen Anfeindungen weiterhin gut ausgearbeitet sind, inklusive eines feigen Attentats von Brent im Stollen, macht es sich im Anschluss Capitani etwas zu einfach. Er zerschlägt den gordischen Knoten durch simple Waffengewalt, bei dem nicht nur drei Leute aus dem bekannten Trupp sterben, sondern auch noch zwei von Mason angeheuerte Kopfgeldjäger, die nun auf eigene Rechnung Kasse machen wollen. Das es in einem Western zu einem Showdown mit Bleiaustausch kommt, ist sicher folgerichtig, dennoch wird die mühsam aufgebaute Spannung zu plötzlich entladen, das Ende gerät leider zu abrupt.
Das Schlussbild ist dann mit Interpretationsmöglichkeiten über das offene Ende gekennzeichnet: Der einzige Überlebende ist verletzt und reitet allein einem Ziel entgegen mit dem schweren tot bringendem Gepäck. Wie es ausgehen könnte, hat der Zuschauer bereits in der Anfangssequenz bei der damaligen Heimkehr von Cooper gesehen, der sein Hab und Gut bei einem Überfall verlor und sich halbtot in die Stadt schleppte. Mit der Vorahnung, dass sich dies alles jederzeit wiederholen könnte, findet der Film ein reichlich pessimistisches Ende.
„Das Gold von Sam Cooper" sollte man als Fan des Italo-Western auf alle Fälle gesehen haben. Handlung und Figuren können dabei zwar nichts Neues bieten, doch hebt sich der Film von manch Dutzendware aus diesem Bereich angenehm ab, da neben den guten Schauspielern vor allem die bedrückende Atmosphäre und der aufs wesentliche reduzierte Stil punkten kann. Leider kann Capitani diese Konsequenz nicht ganz bis zum Schluss durchziehen, worunter der Gesamteindruck ein wenig abgemildert wird. Trotzdem sehenswert.