„Gefangen im Proberaum"
Der begrenzte Raum, umgeben von Feinden mit tödlichen Absichten ist ein klassisches Motiv sowohl des Action- wie auch des Horrorfilms. Das Szenario erzeugt praktisch von ganz alleine Spannung und ist auch psychologisch interessant. Wie verhalten sich Menschen in Extremsituationen aus denen es keinen Ausweg zu geben scheint? Zerbrechen sie daran, wachsen sie über sich hinaus, oder offenbaren sie gänzlich unerwartete Qualitäten, Reaktionen, Verhaltensweisen?
Aus Sicht des geneigten Filmemachers ist es sicherlich auch kein Nachteil, dass es relativ wenig (Produktions-)Aufwands bedarf, um eine große Wirkung zu erzeugen. Altmeister John Carpenter hat das gleich zwei Mal eindrucksvoll bewiesen („Assault on Precinct 13", „The Thing"). Seit den frühen 1980er Jahren gab es allerdings eine derartige Flut von Epigonen, dass es schon ein paar Variationen braucht, um den Konsumenten noch zu fesseln oder gar zu überraschen.
Von Jeremy Saulnier konnte man diesbezüglich einiges erwarten, immerhin hatte er 2013 mit dem billig produzierten Revenge-Thriller „Blue Ruin" einem inzwischen ebenfalls arg breit getretenen Genre erfrischend neue Facetten abgewonnen und wurde dafür auf zahlreichen Independent-Festivals stürmisch gefeiert. Dementsprechend groß war die Vorfreude auf „Green Room".
Der klingt zunächst vollends nach Schema F. Die wenig erfolgsverwöhnte Punkrockband „The Ain´t Rights" ist um jede noch so kleine oder abwegige Auftritts-Chance heilfroh. Das gilt auch für den Gig vor einer Gruppe Neonazis im Hinterwädlergebiet von Oregon. Das Konzert selbst läuft überraschend problemfrei, aber als die Nachwuchsrocker zufällig Zeugen eines Mordes werden, dreht sich die Stimmung diametral. Eingeschlossen im „Green Room" (Übungsraum vor Konzerten) wird der Band sukzessive bewusst, dass Barbesitzer Darcy Banker (Patrick Stewart) ihre Beseitigung angeordnet hat ...
Schon die Gegner-Konstellation, Punks versus Nazis, birgt einiges an gesellschaftspolitischem wie psychologischem Sprengstoff und macht Saulniers Willen zur Akzentsetzung deutlich. Dass die Band zugleich Belagerte und wie auch Geiselnehmer (ihr gelingt die Überwältigung eines der Clubmitglieder) sind und zudem die undurchsichtige Amber (Imogen Poots) mit im Raum haben (sie taugt sowohl zur Verbündeten wie auch zur Verräterin), sorgt ob der zahlreichen sich daraus ergebenden Konstellationen für zusätzlichen Nervenkitzel abseits gewohnter Bahnen. Dazu weicht Saulnier auch auf Seiten der Belagerer von bewährten Klischees ab und landet mit Patrick Stewart als perfidem Naziboss mit Biedermann-Fassade einen erfrischend unkonventionellen Bad Guy-Besetzungscoup. Einen ambivalenten Part übernimmt schließlich noch Saulniers „Blue Ruin"-Star und Freund aus Kindertagen Macon Blair, dessen Rolle und Funktion innerhalb Bankers Truppe permanent zwielichtig erscheint.
Saulnier hat damit einen sowohl personell, wie auch Milieu und Setting betreffend klug gezimmerten Rahmen geschaffen, der enormen Spielraum für falsche Fährten, Kehrtwenden oder unerwartete Abzweigungen lässt. So gesehen ist es besonders schade, dass er hier keineswegs alles ausschöpft bzw. vieles nur halbherzig angeht. Schon bei der letztendlichen Handlungsrelevanz und Spannungs-Ausbeutung des „Green Room" beschleicht einen das Gefühl eines Primats des Unerwarteten und Erwartungshaltungen bewusst unterlaufenden Antriebs. Ganz ähnlich verhält es sich mit Verhalten und Handlungen der meisten Figuren.
Die Motivation zum intelligenten und originellen Invasions-Thriller abseits der bloßen Befriedigung oberflächlicher Exploitation-Gelüste ist unverkennbar und absolut honorabel (die drastischen Gewaltspitzen sind wohl dosiert und verkommen nie zum Selbstzweck). Nur dazu ist die empathische Mitnahme des Zuschauers essentiell und genau dabei versagt Saulnier. Trotz ungewöhnlicher Figurenkonstellationen gelingt es ihm nie, so etwas wie Mitgefühl, oder auch eine entsprechend tief gehende Antipathie zu erzeugen. Trotz guter und erkennbar motivierter Darsteller wie Imogen Poots und Anton Yelchin. Einzig Patrick Stewart sticht hier heraus und sorgt für zeitweises Schaudern.
Ob es am insgesamt sehr nüchternen Erzählstil liegt, ob die Charaktere einfach zu oberflächlich gezeichnet sind, ihr Schicksal jedenfalls lässt seltsam kalt und unberührt. Damit beschränkt sich die Spannung auf Plotinhalte und Schockmomente. „Green Room" hat hier durchaus Überdurchschnittliches zu bieten und muss sich auch nicht den Vorwurf der Langeweile gefallen lassen. Dennoch überwiegt ein Gefühl der verschenkten Chancen und der enttäuschten Erwartungen.
Fazit:
Spannender, harter und charakterlich wie erzählerisch ambitioniert konstruierter Belagerungs-Thriller, der allerdings sein Potential aufgrund einer distanziert anmutenden Inszenierung sowie mangelhafter Empathie-Erzeugung nicht auszuschöpfen vermag. Am Ende steht der ernüchternde Eindruck des Bemühten.