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Der Horrorfilm erlebt bereits seit dem Jahrtausendwechsel einen Höhenflug, den man noch Mitte der Neunziger Jahre als wehmütig den Achtzigern hinterherschluchzender Fan für ziemlich unmöglich gehalten hätte. In wirklich jedem Kinoprogramm ist der aktuelle Quotengrusler vertreten. Horror ist, anders als vor dreißig Jahren, endgültig im Mainstream angekommen. Wenn auch nicht uneingeschränkt zu seinem Vorteil. Jedenfalls nicht, was die große Leinwand anbelangt. Meist sind es nämlich nur an den Nerven sägende autistische Kinder, die von einem Geisterkumpel ins Jenseits gelockt und dann von Mama in irgendeiner märchenhaften Parallelwelt gefunden werden wollen. Konkret heißt das: neunzig Minuten vorhersehbarer Jump-Scare für überwiegend weibliches, jugendliches Zielpublikum. Doch dann und wann gelangt auch ein Genrebeitrag ins Kino, der es ernst meint mit seinem Hintergrund. Und genau so einer ist der gefeierte „Green Room" des nach seinen Genrebeiträgen „Murder Party" (2007) und vor allem „Blue Ruin" (2013) nicht mehr ganz unbeleckten Amerikaners Jeremy Saulnier.

Patrick Stewart, der inzwischen 76 Lenze auf dem Buckel hat, ist gut gealtert. Er sieht beinahe aus wie in „Star Trek - Next Generation"-Tagen. Dass er damals zwanzig Jahre älter aussah, als er in Wirklichkeit war, macht die Sache für ihn heute womöglich leichter, so auszusehen wie damals.
Aber lassen wir das, der Mann ist ein toller Nazi. Stewart gibt den völlig teilnahmslosen, restlos perfiden und überaus bedrohlichen Drahtzieher einer Rotte Rechtsradikaler, der obendrein noch Drogen härterer Bauart im Keller seines Musikclubs fabriziert, gewohnt souverän, aber erstaunlich unsympathisch. Hätte man den 1984 noch zukünftigen Captain Picard nicht in „Lifeforce" bereits recht unheimlich erlebt, man würde sich die Augen reiben. Der Kapitän der Enterprise als Faschist? Dazu hätten sich nicht einmal die Macher von „Sinnlos im Weltall" verstiegen!

Als die Mitglieder einer Punkband nach ihrem Gig durch Zufall Zeuge eines Mordes werden, wandelt sich die Stimmung der Gastgeber von wohlwollendem Schunkeln zu gewaltbereiter Aggression. Man will die lästigen unrechten Zeugen loswerden. Die müssen sich also plötzlich gegen zunehmend organisierte Angreifer in den Räumlichkeiten des Clubs in dem titelgebenden grünen Zimmer verschanzen. „Assault on Precinct 13" lässt hier schön grüßen, denn die Guten kommen nicht raus und die Bösen nicht rein. Ein klaustrophobisches Szenario ist damit heraufbeschworen, das sich Zeit, aber wohltuender Weise nicht zu viel davon nimmt, seinen Teilnehmern ordentlich zuzusetzen.

„Green Room" ist ein in vielerlei Hinsicht überzeugender Horrorthriller, dem es gelingt, überraschend authentische Figuren in Szene zu setzen, die nicht restlos am Reißbrett entworfen wirken. Die Szene-Beschlagenheit der Macher scheint sich dabei fruchtbar auf das Arrangement der Dialoge und die Psychologie der Betroffenen ausgewirkt zu haben. Vom adoleszenten Widerwillen gegenüber Autoritäten und dem rücksichtslosen Leben auf Kosten der Gesellschaft seitens der Punks bis zur sich nicht selten in zügelloser Brutalität äußernden ethisch-sittlichen Orientierungslosigkeit der Skinheadbewegung reicht das recht triftige Porträt der hier aufeinander prallenden jungen Wilden. Dazu Blut, ein wenig Oi-Gehüpfe oder gar Growl-Gesang, und die Marschrichtung der spannenden Angelegenheit ist klar: Man will nichts, aber auch gar nichts zu tun haben mit glattgebügeltem, seelenlosem Massenkino. Stattdessen wird lieber dem geneigten Zuschauer, ohne dass der sich vorher die Kante geben muss, sattsam Kantiges serviert. Und das geschieht leider nicht oft.

Freilich sucht man intellektuellen Interpretationsspielraum ebenso vergeblich wie eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dem Thema Rechtsextremismus. Doch braucht ein geradliniger Schocker, der es sich zum Ziel setzt, dem Zuschauer die Faust schwungvoll in den Magen zu semmeln, gar kein großes Drumherum. „Green Room" überzeugt allein mit seiner alptraumhaften Prämisse, seinen (zu-)packenden Akteuren, mit einer schneidigen Dramaturgie und einer messerscharfen Inszenierung. Wieder und wieder fühlt man sich an das Ausgeliefertsein der Helden von „Assault on Precinct 13" (oder dessen Remake) erinnert. Dass am blutigen Ende der Story ein wenig der Actiongaul durchgeht und zwei hagere Jugendliche sozusagen über Nacht zu angehenden Häuserkampfprofis mutieren, obwohl dem einen der beiden eigentlich bereits eingangs der Arm in Scheiben gehackt wird, erinnert zwar ein wenig an den sympathischen Actionkitsch der 1980er - aber wie sollte dieser ungleiche Kampf von Gut gegen Böse denn sonst gut enden?

Jeremy Saulniers Abstieg in die Irrungen und Wirrungen einer Spartenjugendkultur gerät mitunter recht derb und außerdem spannend. Redundantes, Spielzeit auffüllendes Geschwätz entfällt gefälliger Weise ebenso wie ein zu verkopftes Nähern an den ja eigentlich brisanten Stoff. Denn die Amerikaner nehmen das alles nicht so genau. Während dort Hakenkreuze und Sieges-Runen nicht einmal explizit verboten sind und sogar in der Öffentlichkeit gezeigt werden dürften, müsste sich ein deutscher Beitrag zum selben Thema viel differenzierter geben und feinfühliger vorantasten. Nur, zum Glück ist das hier kein deutscher Beitrag zum Thema. Nicht auszudenken, wie unsere öffentlich-rechtlichen Vorabend-Puten hier gewurstelt hätten.

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