Leichenschänden leicht gemacht
Alfred Hitchcock muss eine Affäre in Spanien gehabt haben und dabei uneheliche Nachkommen gezeugt haben - wie sonst könnte das spanische Spannungskino momentan allen anderen meilenweit voraus sein? ;-) Von "The Body" über "Das Waisenhaus" bis jüngst "The Good Neighbor" - in Sachen Suspense ist es mit den Werken aus unserem liebsten Urlaubsland nur schwer aufzunehmen. "El Cadaver de Anna Fritz" reiht sich in diese illustre Reihe nahtlos ein. Ein Vergleich mit der ebenfalls sehr spannenden Autopsie einer Dame namens Jane Doe früher in diesem Jahr läge zwar nahe, doch dieser Ibero-Thriller geht andere, erdigere Wege. Es geht um drei Freunde, einer von ihnen arbeitet in der Leichenhalle, die sich mit der frischen Leiche der Anna Fritz beschäftigen, einem der größten und schönsten Stars des Landes. Im Keller des Krankenhauses. Nachts. Alleine. Ungestört. Unter Drogen. Den Rest kann sich jeder selbst denken...
"Die Leiche der Anna Fritz" geht entlang ein paar menschlicher Abgründe und übertritt diese auch phasenweise genüsslich. Aber immer stilvoll. Ein Tabubrecher für die Massen. Alba Ribas als Anna Fritz gibt eine der besten "Leichen" der Filmgeschichte und man leidet unweigerlich mit ihr, baut eine enorme Wut auf die jungen Männer auf, die ihre prekäre "Situation" pervers und krank ausnutzen. Für ein Regiedebüt ist dieses Katz-und-Mausspiel besonders hervorragend, mutig, gewagt. Wenn Anna Fritz während ihrer Pein auf einmal die Augen öffnet und nicht fähig ist, sich zu bewegen, dann will ich die Person sehen, die keine Gänsehaut bekommt. Das Setting ist klaustrophobisch, die Situation verzwickt und man wird eindeutig mit der Frage konfrontiert "Was würde ich tun?". Kurz, knackig, nicht weltverändernd. Aber atemlose Unterhaltung.
Fazit: klein aber oho. Kein Must-See oder zweiter "Autopsy of Jane Doe", dafür eine meist sehr spannenden, eiskalte Fingerübung in Sachen Nekrophilie und Pathologie-Psychologie. Menschliche Abgründe!