Meistens sind Babysitter in Genrefilmen die Opfer, da sie trotz aller Gefahren um die Aufsichtspflicht bemüht sind, dabei in einem nur oberflächlich vertrauten Haus in Sachen Gegenwehr im Nachteil sind. Der umgekehrte Fall funktioniert natürlich auch, denn je nach Alter der Zöglinge erwächst daraus ein ungleicher Kampf. Spielfilmdebütant Michael Thelin verlässt sich komplett auf die Mechanismen des Home Invasion Thrillers, was zumindest im ersten Drittel recht gut funktioniert.
Die Eltern der Kinder Jakob (11), Sally (8) und Christopher (4) wollen ihren Hochzeitstag im Restaurant verbringen, weshalb die neue Babysitterin Anna (Sarah Bolger) für die verhinderte Maggie einspringen soll. Nach einigen merkwürdigen Spielen findet Jakob in der Tasche der Sitterin einen entscheidenden Hinweis, doch da scheint es für die drei bereits zu spät…
Thelin versteht es primär im ersten Drittel, eine latent unbehagliche Atmosphäre zu schüren, welche von der stets lächelnden Babysitterin ausgeht. Zwar reichlich naiv von den Eltern, jemand zu engagieren, den sie nie zuvor gesehen haben, aber der erste positive Eindruck einer scheinbar zarten und sensiblen jungen Frau täuscht. Die unorthodoxen, pädagogisch nicht wertvollen Maßnahmen steigern sich zusehends und die damit einhergehende Unberechenbarkeit zieht durchaus in ihren Bann.
Doch spätestens, als Jakob ihr auf der Toilette ein Tampon zum Wechseln anreichen soll, bemerkt auch dieser, dass mit der Neuen etwas nicht stimmt und wendet sich per Funk an den Nachbarsjungen, der soeben seine neuen Errungenschaften wie Sylvesterraketen bestaunt.
Ab diesem Zeitpunkt wird zwar die Katze aus dem Sack gelassen, doch viele Gegebenheiten sind nur allzu vorhersehbar. Anfangs wird vom Vater überaus beiläufig ein alter Mustang in der Garage erwähnt und prompt kommt dieser im Finale zum Einsatz und auch diverse Requisiten tauchen ein zweites mal auf.
Immerhin ist im letzten Drittel ein hohes Tempo gegeben, doch demgegenüber hapert es mit der Ausleuchtung der Sets. Teilweise ist im Haus nicht allzu viel erkennbar, so dass man sich plötzlich über eine Bisswunde am Arm wundert, die zwei Szenen zuvor noch nicht da war.
Der parallel ablaufende Handlungsstrang mit den Eltern in Aufbruchsstimmung kommt der Dramaturgie nicht wirklich zugute und besonders gegen Ende werden einige Zufälle zuviel bemüht.
Das ist insgesamt ein wenig schade, da sämtliche Mimen, allen voran Sarah Bolger als Titelgebende überzeugen, die Kamera meistens effektiv arbeitet und der Score teils hervorragend auf die Geschehnisse abgestimmt ist. Die erste Hälfte punktet mit einigen perfiden Psychospielchen und weiß durch die unbehagliche Stimmung zu fesseln, während im letzten Akt die Brechstange hervorgeholt wird und sämtliche Genrekonventionen durchgekaut werden. Genrefans können einen vorsichtigen Blick riskieren, sollten jedoch nicht zuviel erwarten.
Knapp
6 von 10